{"id":10060,"date":"2023-02-01T08:06:14","date_gmt":"2023-02-01T07:06:14","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=10060"},"modified":"2023-02-01T08:42:23","modified_gmt":"2023-02-01T07:42:23","slug":"weblogs-chatbots-wenn-quadrate-auf-kugeln-treffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=10060","title":{"rendered":"Weblogs &#038; Chatbots: Wenn Quadrate auf Kugeln treffen"},"content":{"rendered":"\n<p>Als ich 2005 mit meinem eigenen Weblog startete, hatte ich zusammen mit Gabi Reinmann und<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/sebastianfiedler\/?originalSubdomain=de\"> Sebastian Fiedler<\/a> eine Unterhaltung in irgendeiner Kneipe im Nirgendwo. Es ging um die einfache Frage, was ein Weblog ist oder genauer, was ein Weblog <em>wesentlich<\/em> ausmacht. Sebastian hatte die Jahre zuvor seinen Abschluss in \u201eInstructional Design\u201c an einer amerikanischen Universit\u00e4t gemacht und er war f\u00fcr unsereins ein interessanter (und auch sehr bereichernder) Nerd, vor allem, aber nicht nur, was das Thema Weblogs anging. W\u00e4hrend Gabi und ich wie selbstverst\u00e4ndlich auf den \u201eBeitrag\u201c, den \u201ePost\u201c, pochten (darin stecke doch die Kreativit\u00e4t, oder?), pochte Sebastian ebenso energisch auf die RSS-Feeds. Es war f\u00fcr uns Nicht-Nerds ein gefl\u00fcgeltes Wort f\u00fcr das, was wir zwar der Mechanik nach, aber nicht wirklich tief verstanden: \u201eRSS-Feed\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Nuller-Jahren entdeckte ich auch erstmals <a href=\"https:\/\/beat.doebe.li\/bibliothek\/index.html\">Beats Bibliothek<\/a>. Hinter \u201eBeat\u201c steht der Schweizer Informatiker und Bildungsdidaktiker Beat D\u00f6beli Honegger und hinter seiner \u201eBibliothek\u201c steckt, ja was denn, eine Art \u201eLuhmannscher Zettelkasten\u201c, wie er selbst schreibt. Zu finden sind dort u.a. Texte, Begriffe, Personen, Fragen, Aussagen und Hitlisten rund um das Thema Medienbildung. Alle Elemente \u2013 \u00fcber eine Million \u2013 sind verkn\u00fcpft und bilden einen <em>pers\u00f6nlichen Thesaurus<\/em>, weswegen der Name Beats Bibliothek treffend ist. Was mich fasziniert: Ich sah damals beim ersten Lesen noch nicht ann\u00e4hernd, was sich da herausbilden sollte; ich hatte daf\u00fcr keine Kategorie im Kopf, die mir helfen konnte, zu <em>verstehen<\/em>. Jetzt aus der R\u00fcckschau, nach 25 Jahren, mit alle den Erfahrungen und Vergleichen (Zettelkasten, Hypersystem, Internet) ist es klar(er), zumindest sehe ich den Sinn, die Umrisse und den Hintergrund einer \u201eMemex\u201c, einer pers\u00f6nlichen \u201eOntologie\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ein paar Wochen gibt es im Bereich der Bildung scheinbar nur noch ein Thema: Chatbots. Zwar ist KI\/AI seit Jahren bekannt, aber (bisher) gef\u00fchlt sehr weit weg von der eigenen Arbeit in Schule, Hochschule und Berufsbildung. Mit \u201eGPT\u201c von OpenAI ist ein Prototyp verf\u00fcgbar, der KI f\u00fcr alle Nicht-Nerds erlebbar macht. Was diese Maschine kann, ist erstaunlich bis ern\u00fcchternd (vgl. klasse <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2lgG6ZRYpnc\">Vortrag<\/a> von J\u00f6rg L\u00f6viscach), je nach Erwartung und Expertise. Exemplarisch und \u00fcbervereinfacht kann man aktuell drei Standpunkte an Hochschulen ausmachen: <a href=\"https:\/\/www.ph-heidelberg.de\/mathematik\/personen\/lehrende\/spannagel\/\">Christian Spannagel<\/a> fordert z.B. einen <em>pragmatisch-experimentellen<\/em> und auch \u201en\u00fcchternen\u201c Umgang mit Chatbots, um Erfahrungen zu sammeln, die ein tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00f6rdern. Beat D\u00f6beli Honegger hat damit begonnen, systematisch <a href=\"https:\/\/mia.phsz.ch\/MIA\/ChatGPT\">Vor- und Nachteile<\/a> zusammenzutragen, um das Thema f\u00fcr sich und andere <em>grunds\u00e4tzlicher<\/em> <em>einzuordnen<\/em>. Gabis Beitr\u00e4ge zeigen offen die Ungewissheit und die tastende Suche nach einem erhellenden Begriffshorizont f\u00fcr das, was \u201eda vor sich geht\u201c und gehen sollte! (vgl. <a href=\"https:\/\/gabi-reinmann.de\/?p=7534\">Wettr\u00fcsten oder Wertewandel<\/a>?)<\/p>\n\n\n\n<p>Was <em>verbindet<\/em> nun diese drei Geschichten und warum erz\u00e4hle ich sie? Sebastians RSS-Feed, Beats Ontologie und OpenAIs Chatbot \u00fcberstiegen und \u00fcbersteigen mein Denken: Ich hielt beim Thema Weblog etwas f\u00fcr wesentlich, was aber gar nicht wesentlich war, ich verstand weder die Dynamik noch den langfristigen Nutzen eines pers\u00f6nlichen Hypernetzwerks und nat\u00fcrlich (!) verstehe ich nicht die Implikationen f\u00fcr Bildung und Gesellschaft, was Chatbots und die zuk\u00fcnftigen Versionen des ersten Prototyps betreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei all dem geht es mir in etwa so, wie dem (zweidimensionale) Quadrat aus dem Roman \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Flatland\">Flatland<\/a>\u201c, das erstmals auf eine (dreidimensionale) Kugel trifft. Wikipedia schreibt: \u201eErst nach langer M\u00fche gelingt es der Kugel, das Quadrat von der Existenz der dritten Dimension zu \u00fcberzeugen, und sie nimmt es zu einem Rundflug \u00fcber seine zweidimensionale Heimat mit.\u201c Ich habe also Hoffnung, dass wir uns in die <em>h\u00f6here Dimension des Denkens<\/em> hineinfinden, um besser zu verstehen, was da vor sich geht und was unser Beitrag gestaltend (Design) wie begrenzend (Ethik) auf der Ebene der Organisation bis zur Menschheit als Ganzes sein kann. Aber ich meine nicht ganz falsch zu liegen, dass es sich bei GPT &amp; Konsorten um ein <em>qualitativ neues Ph\u00e4nomen<\/em> handelt, weit mehr als ein Werkzeug, das wir vorerst nur in Analogien zu schon bekannten Dingen verstehen, aber f\u00fcr das wir eine neue Denkdimension erschaffen m\u00fcssen: <em>Was ist an GPT \u201ekugelig\u201c und wo ist unser Denken bis her \u201equadratisch\u201c?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vier Dinge beunruhigen mich, ich gebe es zu: (a) Die Geschwindigkeit und Qualit\u00e4t, mit der sich KI-gest\u00fctzte Software entwickelt (s.o.), (b) die Geschwindigkeit und Qualit\u00e4t mit der sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Rdm2ggtFvmQ\">KI-gest\u00fctzte Roboter<\/a> entwickeln, (c) die fast unbegrenzten Geldmittel von Investoren und Verteidigungsindustrie in xx-Milliardenh\u00f6he, mit denen a und b unterst\u00fctzt werden und (d) wie wenig mutig wir immer noch in der Bildung \u00fcber all dies sprechen und Konsequenzen ziehen. Mein Ruderlehrer sagte immer, \u201emachen sie sich Gedanken\u201c, \u2026 nachdem jemand von uns ins Wasser gefallen war. Recht hatte er. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich 2005 mit meinem eigenen Weblog startete, hatte ich zusammen mit Gabi Reinmann und Sebastian Fiedler eine Unterhaltung in irgendeiner Kneipe im Nirgendwo. Es ging um die einfache Frage, was ein Weblog ist oder genauer, was ein Weblog wesentlich ausmacht. 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