{"id":10065,"date":"2023-02-03T18:27:55","date_gmt":"2023-02-03T17:27:55","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=10065"},"modified":"2023-02-03T18:27:55","modified_gmt":"2023-02-03T17:27:55","slug":"chatgpt-und-critical-thinking-als-zaubertrank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=10065","title":{"rendered":"ChatGPT und Critical Thinking als Zaubertrank"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Bildungslandschaft ist durch ChatGPT in Aufruhr. Laut nachgedacht wird \u00fcber den Einsatz von ChatGPT bei der Aufgabenerstellung und Aufgabenl\u00f6sung, im Lernprozess und bei Pr\u00fcfungen. W\u00e4hrend die einen die neuen M\u00f6glichkeiten euphorisch ausloten, sind andere kritisch bis ablehnend. Auch Verbote werden ausgesprochen. Was sagt uns das?<\/p>\n\n\n\n<p>ChatGPT \u201emacht\u201c etwas mit unserem Bildungssystem, mit den Menschen, die darin wirken, mit deren Selbstverst\u00e4ndnis und deren Routinen. Und das ist gut so, denn Reformen sind gef\u00fchlt noch nie \u201eaus dem Inneren\u201c der Bildung gekommen, sondern durch Politik und Wirtschaft, also von \u201eau\u00dfen\u201c angesto\u00dfen, vielleicht auch \u201e\u00fcber Bande\u201c diktiert worden (vgl. Pisa, Bologna etc.).<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist eine Reform aber kein Selbstzweck, sondern eine Antwort auf neue Anforderungen, die die Gesellschaft an das Bildungssystem stellt. Weil die Zukunft (die immer mit der Gegenwart beginnt) andere Anforderungen an MitarbeiterInnen hat als noch vor 50 Jahren, verlangt man von den Schulen und Hochschulen Anpassungen: AbsolventenInnen sollen fachkompetent sein, logo, vor allem aber kommunikativ, empathisch, kreativ, sie sollen sich in (MS)Teams wohl f\u00fchlen, um Probleme der Gesellschaft zu l\u00f6sen. All diese an die Zukunft angepassten Eigenschaften nennt man \u201e<a href=\"https:\/\/nextskills.org\/about\/initiative\/\">future skills<\/a>\u201c (vgl. Ulf Ehlers) und wer will und vor allem kann dazu schon nein sagen?!<\/p>\n\n\n\n<p>Was man jetzt im Zuge von ChatGPT immer st\u00e4rker h\u00f6rt (z.B. <a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/informatik\/strongeine-neue-ki-zeit-bricht-an-wie-wir-chatgpt-und-co-nutzen-strong\/#hsluinformatik\">hier<\/a>), ist die Forderung nach \u201ecritical thinking\u201c, ein wichtiger, wenn nicht zentraler Teil der future skills. Die Argumentation geht in etwa so: Wenn ChatGPT alle Prozesse der Wissens- und Produkterstellung \u201eunterst\u00fctzen\u201c <em>kann<\/em>, dann wird genau das <em>passieren<\/em> (~ Murphys Gesetz). Wenn es passiert, dann m\u00fcssen die Menschen gut (~ kritisch) darin sein, (a) zu begr\u00fcnden, <em>warum<\/em> sie eine KI verwenden, (b) auszuw\u00e4hlen, <em>welche<\/em> KI sie nutzen, (c) <em>wie<\/em> sie die KI richtig verwenden und (d) mit <em>welchen<\/em> technisch-psychologischen Strategien sie sich gegen Fakes aller Art sch\u00fctzen. Die Tatsache, dass nicht mehr nachpr\u00fcfbar ist, ob der Zuwachs an Wissen dem Autor oder dem Chatbot zuzurechnen ist, ist ein Problem, was uns aktuell nur deshalb so gro\u00dfe Bauchschmerzen macht, weil es ins Herz unseres selbst verschuldeten Selektionsauftrags hineinragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist aber nun dieses \u201ecritical thinking\u201c, dieser Zaubertrank, welcher uns im Zeitalter der KI stark machen soll? Zum einen hat diese Denkform und Haltung etwas mit <em>Distanznahme<\/em> zu tun: sich von Informationen, Personen, Organisationen nicht einwickeln lassen, Abstand halten k\u00f6nnen zwischen dem \u201eIch\u201c und dem \u201eAnderen\u201c, um z.B. T\u00e4uschung zu <em>erkennen<\/em>. Das ist kognitiv, emotional und willensm\u00e4\u00dfig anspruchsvoll \u2013 im Zeitalter der Simulation eine gro\u00dfe, vielleicht auch unm\u00f6gliche Herausforderung. Zum anderen hat diese Denkform und Haltung etwas mit <em>Zupacken<\/em> zu tun: sich mit Elan und Verve einer Sache verschreiben, im Team unternehmerisch sein, was nicht zwingend was mit Geldverdienen zu tun hat, sich anstrengen und schmutzig machen, auch auf die Gefahr hin, dass man Schaden nimmt oder gar scheitert!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDistanznahme\u201c und \u201eZupacken\u201c, ein Widerspruch? Ich glaube nicht, eher etwas, was sich gegenseitig bedingt und konstituiert, in jedem Fall aber ein voraussetzungsreiches Ziel bzw. voraussetzungsreiche Ziele. Um solche Ziele ann\u00e4hrend zu erreichen, braucht man geeignete Lern- und Lebensorte, z.B. Hochschulen. Hochschulen in Zeiten von KI werden anders sein m\u00fcssen als die heutigen. Mit ein wenig \u201eKI-Anwendung\u201c (wie kreativ auch immer) ist es eben gerade NICHT getan oder noch st\u00e4rker: Damit d\u00fcrfte die <em>genuine Idee der Hochschule<\/em> \u2013 als besondere Orte, die sich eine Gesellschaft leistet \u2013 verfehlt sein. Zieht man die beiden Zauberw\u00f6rter Distanznahme und Zupacken nochmal heran, dann gilt es doch zun\u00e4chst, nach der Schule die Distanzahme <em>zu \u00fcben<\/em>, d.h. sich auf die <em>Antwortalternativen<\/em> zu konzentrieren, welche die Hochschule und <em>nur die Hochschule<\/em> hervorbringen kann. In K\u00fcrze: Nur durch Distanznahme ist ein <em>akademisches<\/em> \u201eZupacken\u201c m\u00f6glich und auch das muss man <em>\u00fcben<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>ChatGPT wird uns dazu zwingen, noch mal neu \u00fcber Bildung nachzudenken, radikaler als fr\u00fcher.  Hochschulbildung, vor allen Lehrerinnenausbildung, Managementausbildung und Ingenieursausbildung, stehen dabei in besonderer Verantwortung. Sie brauchen eine starke Idee, welche die Reform <em>von innen<\/em> vorantreibt, <em>proaktiv<\/em>, ohne die Stimmen der Au\u00dfenwelt zu ignorieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bildungslandschaft ist durch ChatGPT in Aufruhr. Laut nachgedacht wird \u00fcber den Einsatz von ChatGPT bei der Aufgabenerstellung und Aufgabenl\u00f6sung, im Lernprozess und bei Pr\u00fcfungen. W\u00e4hrend die einen die neuen M\u00f6glichkeiten euphorisch ausloten, sind andere kritisch bis ablehnend. Auch Verbote werden ausgesprochen. Was sagt uns das? 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