{"id":10100,"date":"2023-06-26T15:36:40","date_gmt":"2023-06-26T14:36:40","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=10100"},"modified":"2023-06-27T07:34:42","modified_gmt":"2023-06-27T06:34:42","slug":"deskilling-durch-ki-nach-dem-rasanten-rauf-geht-es-runter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=10100","title":{"rendered":"Deskilling durch KI: Nach dem rasanten Rauf geht es runter"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber den KI-Einsatz (Chat-GPT) in Bildungsorganisationen (Schule, Hochschule, Berufsbildung) wird aktuell viel spekuliert und das ist gut so! Wie anders sollte man sich dem Thema auch n\u00e4hern als durch Erproben, Reflexion und mehr oder weniger spekulative Gedankenexperimente (Was-w\u00e4re-wenn?). F\u00fcr Empirie und gesicherte Erkenntnis rollt der Zug zu schnell; die normative Frage, was wir denn von der Bildung im KI-Zeitalter wollen, wird auffallend d\u00fcnn beantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst habe gegen\u00fcber der KI ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis. Das sagt man genau dann, wenn man auf der einen Seite seine Neugier nicht z\u00fcgeln kann und bereitwillig mit den neuen M\u00f6glichkeiten experimentiert, auf der anderen Seite aber genau in dieser Tat die Bedingung sieht, die hochskaliert auf Millionen von Nutzerinnen weltweit in ein <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xoVJKj8lcNQ&amp;t=2s\">soziales Dilemma<\/a> f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinen ersten Beratungssituationen zum Thema, also zur Frage \u201ewas man von KI im Kontext von Bildung halten soll?\u201c nutzen Kunden immer gerne die Werkzeugmetapher. Sie sagen: \u201eKI ist wie ein Werkzeug, \u00e4hnlich dem Taschenrechner. Da gab es auch gro\u00dfe Bef\u00fcrchtungen, dass die Nutzung zu einer mathematischen Verdummung f\u00fchre.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will da mal ansetzen: Ist KI ein (isoliertes) Werkzeug oder eine (globale) Social-Plattform oder eine (unhintergehbare) Kulturtechnik oder noch was anderes? Ich glaube nicht an die Werkzeugmetapher. Wir nutzen sie nur gerne, weil wir das Neue immer mit den Alten erkl\u00e4ren und sie uns emotional beruhigt. Alles beim Alten. KI ist aber mehr: Die lokale Wirkung ist atemberaubend, ich will mehr, will mich entlasten, hier ein Konzeptvorschlag, da ein schwieriger Brief. Der Reiz, mich unterst\u00fctzen zu lassen, w\u00e4chst mit jedem guten \u201eDialog\u201c, den ich abgeschlossen habe. Ein still wachsendes Vertrauen in meinen neuen Dialogpartner entsteht in \u00e4hnlicher Weise wie das blindes Vertrauen in das Navigationsger\u00e4t, das mich seit Jahren an jeden Ort der Welt f\u00fchrt. Was ist da los?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine These ist steil, aber ich spreche sie mal aus \ud83d\ude0a. In den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren werden wir einen atemberaubenden Anstieg in der Produktivit\u00e4t von Lehrpersonen erleben, allesamt ExpertenInnen ihres Faches mit hoher Urteilskompetenz. Sie haben das Verm\u00f6gen zum gezielten Prompting, sie werden die Ergebnisse kritisch beurteilen k\u00f6nnen, sie werden die Streu vom Weizen trennen. L\u00e4uft! In den weiteren f\u00fcnf Jahren (ich denke in 5-Jahresschritten, ehe die n\u00e4chste Mikrogeneration nachw\u00e4chst) kommt es zu einer Abflachung der Produktivit\u00e4tskurve: Diese Generation hat schon KI intensiv beim Aufbau der eigenen Expertise genutzt und dabei vers\u00e4umt, sich selbst tief in Sprache einzu\u00fcben; KI wirkt als Organersatz. In den Folgejahren \u2013 und wir reden hier von den KI-M\u00f6glichkeiten in 15 Jahren, das sind Lichtjahre \u2013 wachsen Generationen auf und nach, denen es wahrscheinlich so geht wie den beiden jungen Fischen im Wasser: Ein alter Fisch kommt vorbei geschwommen und fragt: \u201eNa Jungs, wie ist heute das Wasser?\u201c Die jungen Fisch: \u201eWovon sprichtg er?\u201c \u2026 Junge Menschen der Zukunft werden die KI nicht mehr sehen (k\u00f6nnen), sie sind \u201eembedded\u201c, eingetaucht, verschmolzen mit einer KI-gest\u00fctzten und -generierten \u201eRealit\u00e4t\u201c (was das wohl sein wird), von dem sich unser heutige \u201eNaturzustand\u201c qualitativ unterscheidet. Und f\u00fcr diese Zeit k\u00f6nnte es einen Absturz der Produktivit\u00e4t geben, obwohl die Nutzung von KI f\u00fcr Lehrzwecke zum Standard geh\u00f6rt. Warum? Weil mit jeder KI-Antwort das Sprachverm\u00f6gen geschw\u00e4cht wird, so dass man sich, um ein gewisses Niveau zu halten, immer mehr KI Unterst\u00fctzung holen muss. Systematische Entlastung f\u00fchrt zur Erosion meines Sprachverm\u00f6gens.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>So k\u00f6nnte es kommen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei denn, wir entscheiden uns \u2013 uns zwar jeder Lehrende \u2013 daf\u00fcr, Sprache und Denken (zwei Seiten einer Medaille) weiterhin auf einem hohen Niveau zu trainieren, ganz bewusst ohne KI-Unterst\u00fctzung oder in einer Form, die das Denken und die Sprache auf einem neuen Niveau und in einer hohen Qualit\u00e4t anstachelt! Daf\u00fcr brauchen wir eine tragf\u00e4hige Idee und geeignete Trainings- und \u00dcbeorte und vielleicht <strong>auch<\/strong> einen Bereich in unserem pers\u00f6nlichen Portfolio, den wir \u201eEigenleistung\u201c nennen und auf den wir auf magische Weise stolz sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den KI-Einsatz (Chat-GPT) in Bildungsorganisationen (Schule, Hochschule, Berufsbildung) wird aktuell viel spekuliert und das ist gut so! Wie anders sollte man sich dem Thema auch n\u00e4hern als durch Erproben, Reflexion und mehr oder weniger spekulative Gedankenexperimente (Was-w\u00e4re-wenn?). 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