{"id":10241,"date":"2024-04-16T15:36:42","date_gmt":"2024-04-16T14:36:42","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=10241"},"modified":"2024-04-16T15:53:21","modified_gmt":"2024-04-16T14:53:21","slug":"selbstbeobachtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=10241","title":{"rendered":"Selbstbeobachtungen"},"content":{"rendered":"\n<p>B\u00fccher muss man lesen, wenn die Zeit gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der B\u00fccher, f\u00fcr die \u201emeine Zeit\u201c gekommen ist, ist das von Klaus Eidenschink und Ulrich Merkens \u201e<a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/psychologie-psychotherapie-beratung\/arbeit-und-organisation\/beratung-coaching-supervision\/56165\/entscheidungen-ohne-grund-organisationen-verstehen-und-beraten\">Entscheidung ohne Grund<\/a>\u201c. Das schmale, etwa 100 Seiten umfassende B\u00e4ndchen soll helfen, \u201eOrganisationen zu verstehen und zu beraten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich dranmacht, dass Buch zu lesen, muss Abschied nehmen von \u201erichtig-falsch Entscheidungen\u201c und \u201efeststellbarer Objektivit\u00e4t\u201c, also dem klassischen Credo der Naturwissenschaft. Stattdessen treten komplexere Fragen auf den Plan: \u201e<em>Welche<\/em> <em>Entscheidung<\/em> \u00fcber ein Problem ist f\u00fcr <em>wen<\/em> zu einem gew\u00e4hlten <em>Zeitpunkt<\/em> mit <em>welchen<\/em> <em>Nebenfolgen<\/em> und mit <em>welchen Zielsetzungen<\/em> auf welche <em>Weise kommuniziert<\/em> passend und unpassend?<\/p>\n\n\n\n<p>Um solche Typen von Fragen systematisch anzugehen, schlagen die Autoren neun Leitunterscheidungen vor, die sie in ihren Modell nach einer Sach-, Sozial- und Zeitdimension ordnen (vgl. <a href=\"https:\/\/metatheorie-der-veraenderung.info\/\">Metatheorie der Ver\u00e4nderung<\/a>). Ein Beispiel: <em>\u201eOrganisationen m\u00fcssen sich entscheiden, ob sie eine Regel anwenden oder situativ entscheiden. Dienst nach Vorschrift bringt alles zum Erliegen. Alles nur situativ zu regeln, erzeugt zu wenig Koordination und Verl\u00e4sslichkeit\u201c<\/em> (S.21). Im Beispiel haben wir also eine Leitunterscheidung in der Zeitdimension \u201eGegenwartbehandlung\u201c mit den Polen \u201eregelgerecht und situationsgerecht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidend f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Modells sind die \u201ePole\u201c. Sie bilden keine bin\u00e4ren Gegens\u00e4tze (wie richtig-falsch), sondern beschreiben sich erg\u00e4nzende Orientierungen, die man in der Praxis beide im Blick haben muss, obwohl sie sich (logisch) widersprechen. Damit das nicht beim dummen Esel endet, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, gilt es vor allem, dynamisch zu fragen, <em>wann<\/em> und f\u00fcr <em>wen<\/em> der jeweilige Pol bedeutsam ist bzw. sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gibt es aber nicht nur eine Leitunterscheidung, sondern neun! Und keiner dieser Leitunterscheidung ist unabh\u00e4ngig von den anderen. \u201eDas Geflecht und die damit verbundenen wechselseitigen Einflussnahmen, Begrenzungen und Kombinationen sind nicht zu \u00fcberblicken, nicht zu kalkulieren und nicht zu planen.\u201c (S.95). Die Autoren sprechen deshalb im Titel ihres Buches von \u201aEntscheidung ohne Grund\u2018. \u201eDa Entscheidungen immer auf gleichwertigen Alternativen beruhen, gibt es f\u00fcr die Wahl keine rationale Begr\u00fcndung, sondern nur Begr\u00fcndungen, die die Willk\u00fcr in jeder Entscheidung unsichtbar macht oder mildert.\u201c (S. 95). Na, wunderbar \ud83d\ude0a. Hat man das aber verstanden, dann ist es entlastend, denn was realistischerweise \u00fcbrig bleibt, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger (!) als ein \u201eRaten auf hohem Niveau\u201c \u00fcber eine prinzipiell unbekannte Zukunft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mich hat das Buch neben dem andersartigen Denkstil (Modell) auch noch in einem speziellen Aspekt angesprochen; es geht um \u201eKompetenz f\u00fcr Gef\u00fchle\u201c. Die Autoren lenken den Blick in die Organisation: <em>\u201eWas alles wird vermieden aus Angst, wird erstrebt aus Gier und Eifersucht, wird unterbunden aus Schuld, wird untersagt aus Furcht, wird verfolgt aus Zorn und Wut, wird erduldet aus Liebe, wird verleugnet aus Scham, wird geglaubt aus Unsicherheit, wird ertragen aus Stolz, wird abgelehnt aus Unterlegenheit, wird fokussiert aus Eitelkeit, wird bek\u00e4mpft aus Minderwertigkeit, wird verz\u00f6gert aus Vorsicht, wird abgelehnt aus Kr\u00e4nkung, wird angestrebt aus Begeisterung, wird gut gemacht aus Freude, wird \u00fcbertrieben aus Leidenschaft, wird genossen aus Lust usf.\u201c<\/em> (S.104). Nach dieser Salve denkt man: genauso ist es!<\/p>\n\n\n\n<p>Warum ist das aber wichtig, diese Gef\u00fchlskompetenz? Zum ersten \u201ekoppeln Gef\u00fchle Menschen wahrnehmungsseitig mit der Welt\u201c (S. 104) und zweitens sind alle Entscheidungen mit Gef\u00fchlen gekoppelt. Es wird das gesehen (relevante Umwelt), was gef\u00fchlt wird. Man braucht also Zugang zu seinen eigenen Gef\u00fchlen, um die Schwingungen bei Mitarbeiterinnen oder Kunden \u00fcberhaupt erstmal wahrzunehmen \u2013 jetzt aber nicht, um mitf\u00fchlend oder gef\u00fchlig zu sein, sondern um Gef\u00fchle genauer zu UNTERSCHEIDEN (ist gibt sehr viele und manchmal t\u00e4uschend \u00e4hnlich \u201eklingende\u201c, wie die Liste im letzten Abschnitt andeutet) und von da aus zu g\u00fcnstigen Interventionen zu kommen. Gef\u00fchle werden von den Autoren als \u201eAntworten auf unbewusste Motive\u201c gedeutet. In diesem Sinne sind sie wichtige \u201eIndikatoren von Mustern\u201c, die man mit einbeziehen sollte \u2026 oder knapp und b\u00fcndig: (Unangenehme) Gef\u00fchle sind \u201eRessonanzoasen\u201c, sie weisen uns den Weg durch gro\u00dfe Hitze, belohnen uns aber am Ende (wenn\u2019s keine Fata Morgana ist) mit k\u00fchlendem Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe anfangs gesagt, dass f\u00fcr dieses Buch meine Zeit gekommen ist. Das klingt dramatischer, als es ist, aber es stimmt. Nach meinem Ausstieg aus dem eigenen Unternehmen (siehe <a href=\"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=10187\">Beitrag<\/a>), lerne ich sehr, sehr langsam, den Fluss von au\u00dfen zu beobachten, mich selbst au\u00dferhalb des Flusses zu sehen \u2026 und wahrzunehmen! Beim Lesen des Buches hatte ich an x Stellen ein Aha-Erlebnis; zu fast jedem Pol, der genannt wurde, werden Personen lebendig, zu allen Leitunterscheidungen gibt es mindestens eine bilderreiche Geschichte und zu der Erkenntnis \u201eEntscheidungen ohne Grund\u201c gabs bisher nur eine vernebelte Ahnung. Insofern hat das Buch den Realit\u00e4tstest bestanden \ud83d\ude0a, ich verstehe jetzt besser (mich, Team, Organisation, Kunden); und meine \u201eDschungel-Metapher&#8220; mit der finalen Bewertung \u201esch\u00f6n\u201c, war nicht ganz falsch, wenn man unter \u201eSch\u00f6nheit\u201c schlicht \u201elebendig\u201c versteht, mit Gef\u00fchlen aus dem ganzen Erfahrungsspektrum \u2026 und daf\u00fcr bin ich dankbar. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccher muss man lesen, wenn die Zeit gekommen ist. Eines der B\u00fccher, f\u00fcr die \u201emeine Zeit\u201c gekommen ist, ist das von Klaus Eidenschink und Ulrich Merkens \u201eEntscheidung ohne Grund\u201c. Das schmale, etwa 100 Seiten umfassende B\u00e4ndchen soll helfen, \u201eOrganisationen zu verstehen und zu beraten\u201c. 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