{"id":8754,"date":"2006-09-02T00:00:00","date_gmt":"2006-09-01T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=8754"},"modified":"2018-08-31T20:04:10","modified_gmt":"2018-08-31T19:04:10","slug":"urlaub-ideen-und-ein-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=8754","title":{"rendered":"Urlaub, Ideen und ein Buch"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"lazyload\" decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27161%27%20height%3D%27122%27%20viewBox%3D%270%200%20161%20122%27%3E%3Crect%20width%3D%27161%27%20height%3D%27122%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-orig-src=\"\/wp-content\/uploads\/archive\/1.JPG\" alt=\" Strandbild_Amrum\" hspace=\"15\" vspace=\"15\" width=\"161\" height=\"122\" align=\"left\" \/>Den Urlaub haben wir auf Amrum an der Nordsee verbracht. Wir haben uns in einem netten Haus mit Schwimmbad und Sauna eingemietet. Dass wir f&uuml;r das kommende Jahr schon wieder Amrum vorgebucht haben, sagt alles dar&uuml;ber aus, wie es uns gefallen hat :-). Anders als in s\u00fcdlichen L\u00e4ndern gestalte ich (wir) den Tag wesentlich aktiver, weil das wechselnde (sicherlich auch k\u00fchlere) Wetter zu unterschiedlichen Aktionen herausfordert. Alles im Allem kommt der Norden mit seinen wei\u00dfen Str\u00e4nden (auf Amrum sind sie selbst in der Hochsaison herrlich leer) und die gelassenen Moin-Moin-Art der Bewohner meinem Bed\u00fcrfnis sehr entgegen. Vor allen hat sich die Kombi-Reise mit den Schwiegereltern als \u201efruchtbar&#8220; herausgestellt. Jeder der ein Kind dabei hat wei\u00df, wie entlastend und erfreulich die Aufmerksamkeitsdiffusion sein kann ;-).<\/p>\n<p>Bei uns geht es im Urlaub ja immer etwas anders zu als bei anderen &#8211; glaube ich jedenfalls. Das f\u00e4ngt an beim oben erw\u00e4hnten Schwiegereltern-Kombi-Urlaub, geht \u00fcber den W-LAN Laptop und endet bei den nicht wenigen Gespr\u00e4chen zu Fragen des Lehrens und Lernens. Der Urlaub, insbesondere der nachmitt\u00e4gliche Kaffee, ist der Ort, bei dem wir Neues besprechen. U.a. haben wir in den letzten Tagen die Folien f\u00fcr den GMW-Vortrag (soweit) fertig gemacht und die Struktur des neuen Onlinebarometers festgelegt, zumindest was den Bereich der Emotionen angeht. Alles ist (neben Chris) an Jojo gegangen, der bis zum 22-ten einen ersten Prototyp auf Flashbasis erstellen m\u00f6chte; er hat sich ja dazu entschieden zu diesem Thema seine BA Arbeit zu schreiben, was mich sehr freut. Auf der Grundlage der Ideen, u.a. auch von Chris und Alex , wird er sicherlich einen genuin eigen, kreativen Beitrag zum neuen \u201eOnlinebarometer&#8220; (der Begriff wird bald aufgel\u00f6st) leisten.<\/p>\n<p>Im diesj\u00e4hrigen Urlaub begleitet mich ein gutes Buch. Mein Bruder hat es mir geliehen und es kommt zur rechten Zeit. Es ist ein lehrreicher Roman von Bryan Magee mit dem Titel \u201eBekenntnisse eines Philosophen&#8220;. In einem eher narrativen, autobiographischen Stil f\u00fchrt Magee den Leser durch einige Passagen der Philosophiegeschichte. Die ersten Kapitel drehen sich um die Oxforder Jahre, in denen Magee Geschichte und Philosophie studiert hat. Er rekonstruiert anhand vieler Begegnungen mit britischen Philosophielehrern und Seminarskizzen die Grundpositionen des Logischen Positivismus (Moore, Russel etc.), ohne die offensichtlichen Schw\u00e4chen dieser empirischen, sich auf sp\u00e4ter die Sprachphilosophie fokussierenden Richtung zu verschweigen. Durch zwei l\u00e4ngere Einsch\u00fcbe zu Begegnungen des Autors mit Karl Popper und Bernhard Russel erh\u00e4lt man die M\u00f6glichkeit, sehr nah und intim an die \u201eGr\u00f6\u00dfen&#8220; heranzur\u00fccken. Hier werden nicht nur spezielle Interpretationen der Hauptwerke (z.B. Poppers \u201eDie offene Gesellschaft und ihre Feinde&#8220;) geboten, sondern es werden auch lustige Anekdoten erz\u00e4hlt; letztere schaffen die angesprochene N\u00e4he und Intimit\u00e4t. Dass es sich um keine n\u00fcchterne \u201eEinf\u00fchrung in die Philosophie&#8220; handelt, merkt man sp\u00e4testens im 13. Kapitel, indem der zu diesem Zeitpunkt 34-j\u00e4hrige Magee auf seinen eigentlichen Job als Fernsehjournalist, zeitweise auch als Politiker der Labour Partei, eingeht. Er zeigt die \u201eS\u00fcmpfe&#8220; der Realpolitik und die Differenz zu \u201eseiner&#8220; politischen Philosophie, die im Wesentlichen auf Poppers F\u00fc\u00dfen steht. Zudem wird immer wieder Magee Bem\u00fchen gezeigt, (Fach-)Philosophie einer breiten H\u00f6rerschaft in Radio und Fernseher zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n<p>Das Kapitel endet mit einer Art Z\u00e4sur, den Hinweis, dass Magee in diesen Jahren seine Lebenskrise (Midlife-Crises) durchlebt, die er etwas sp\u00e4ter auch als \u201eKernschmelze&#8220; bezeichnet. Zwar meldet sich schon in fr\u00fcheren Kapiteln das Bed\u00fcrfnis nach den gro\u00dfen Sinnfragen an, vor allen in den sinnabstinenten Oxforder Jahren, aber mit Beginn der 4ten Lebensdekade, Mitten in seiner selbst attestierten vita activa, bricht Magee geradezu in ein mehrj\u00e4hriges, schwarzes Loch. Dies ist der Zeitpunkt, an dem Magee beginnt, die (Lebens-)philosophen des europ\u00e4ischen Kontinent intensiver zu lesen: u.a. Kirkegaard, Nietzsche, Schopenhauer etc. Diese Autoren sprechen \u00fcber das, wor\u00fcber die anderen zum Schweigen verpflichtet haben (Wittgenstein). Man nimmt es Magee ab, wenn er seinen existenziellen Durst nach Sinn, in prim\u00e4r emotionalen Erfahrungen in der Konfrontation mit Kunst und Theater findet. Letzt endlich ist es aber die Philosophie von Arthur Schopenhauer, die ihn &#8211; wie er sagt &#8211; von seiner \u201egeistigen Klaustrophobie&#8220; rettet. Schopenhauer, der sich selber anschickt, die Philosophie Kants weiterzuentwickeln, findet in der Kunst, aber auch z.B. in der Besch\u00e4ftigung mit Sexualit\u00e4t jene unmittelbare und existenzielle Erfahrung, die er ins Zentrum seiner Philosophie stellt. Und genau in dieser Doppelstruktur im Werk Schopenhauer erkennt Magee das, wonach er sich sein Leben lang sehnte: einerseits Antworten auf die von Kant hinterlassene Scheidelinie zwischen Ph\u00e4nomenon und Noumenon (einfacher kann man auch sagen: Erde und Himmel) und anderseits die Hinwendung zur lebendigen (und eben nicht begrifflich blutleeren) und universellen Erfahrung mit der Kunst i.w.S..<\/p>\n<p>Ich will an dieser Stelle den Roman nicht weiter wiedergeben; einerseits ist genug gesagt um sich ein Bild zu machen anderseits findet sich im zweiten Teil ein Art Vertiefung zum ersten: es werden die Grenzen der analytischen Philosophie bzw. der akademischen Philosophie generell aufgezeigt und es wird die in einer Kanttradition stehende Philosophie Schopenhauers \u00fcberschw\u00e4nglich gelobt, wie ich es im letzten Abschnitt angedeutet habe. Am Ende hat mir das Buch viel Freude gemacht: es wechselt zwischen groben Verlaufsskizzen der Philosophiegeschichte, z.B. der der platonischen und aristotelischen Tradition, detaillierten Einzeldarstellungen, z.B. zum Wahrnehmungs- und Erfahrungsbegriff bei Kant, politisch-pragmatischen Folgerungen f\u00fcr die Realpolitik, z.B. durch die Optik der Popper-Freundschaft und bettet all diese Erkenntnisse in einen biographischen, sehr pers\u00f6nlichen Zusammenhang ein. Gerade diese intimen Erz\u00e4hlungen, die den Leser (mit) an den Rand seiner pers\u00f6nlichen Existenz f\u00fchren, die biographische Br\u00fcche und Unzul\u00e4nglichkeiten aber auch W\u00fcnsche und Erfolge Magee&#8217;s aufzeigt, verspr\u00fchen eine emotionale W\u00e4rme und Glaubw\u00fcrdigkeit, die (an-)spricht und lesenswert ist.<\/p>\n<p>Im Grunde bildet das letzte Kapitel des Buches \u201eOffene Frage&#8220; noch einmal eine Z\u00e4sur. Man hat das Gef\u00fchl, dass Magee hier all das loswerden will, was ihn bis aufs Mark umtreibt; im Kern sind es Fragen zum (metaphysischen) Selbst, zum Tod und der Existenz \u201edanach&#8220;. Auf den letzten 10 Seiten offenbart er uns sein Hauptmotiv: er hat eine Todesangst vor&#8217;m Sterben und daraus leitet er einen unmenschlichen Willen zum \u00dcberleben ab. Dieser Wille ist es, der ihn ein Leben lang &#8211; fast in Form eines Wahns &#8211; zu den grundlegenden Existenzfragen dr\u00e4ngt. Und vor dem Hintergrund dieses menschlichen Grundmotivs ist der Roman in wahrsten Sinne des Wortes ein pers\u00f6nlicher BILDUNGS-Roman. Mir hat dieses Buch auch deshalb Freude gemacht, weil es mich weggetragen hat, weggetragen von all dem, was ich eigentlich im Moment lesen m\u00fcsste! Damit hat ein Buch, ein Urlaubsbuch allemal, seine Hauptpflicht getan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Urlaub haben wir auf Amrum an der Nordsee verbracht. 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