{"id":8756,"date":"2006-07-01T00:00:00","date_gmt":"2006-06-30T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=8756"},"modified":"2018-08-31T20:04:48","modified_gmt":"2018-08-31T19:04:48","slug":"eventpatriotismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=8756","title":{"rendered":"Eventpatriotismus"},"content":{"rendered":"<p>Gestern habe ich im Fernsehen einen mir sympathischen Begriff aufgeschnappt: \u201eEventpatriotismus\u201c &#8211; und zwar im Zusammenhang mit dem Fahnenkult rund um die Fussball-WM. Sympathisch ist mir diese Wortkreation deshalb, weil damit zum Ausdruck kommt, dass sich Menschen zeitlich begrenzt und sehr gegenstandsabh\u00e4ngig f\u00fcr etwas begeistern k\u00f6nnen. Und um diese gemeinsame Begeisterung Ausdruck zu verleihen, bedient man sich der niederschwelligen Formel \u201eWir Deutschen\u201c, inklusiv der nationalen Symbolik wie Fahnen und Wappen. Sympathisch ist mir das auch deshalb, weil man damit der hitzigen Patriotismusdiskussion etwas den Wind aus den Segeln nimmt, d.h. Triebfeder dieses Kults ist nicht eine diffuse, zu st\u00e4rkende Volksseele oder ein (staats-)politisches Kalk\u00fcl. Das Ereignis WM stimuliert bei den Menschen einfach das Bed\u00fcrfnis \u201emitzumachen\u201c und die Spielregeln des Mitmachens hei\u00dfen: sich einer (irgendeiner!) Mannschaft zuzuordnen und dies nach au\u00dfen sichtbar zu machen. Man sagt dann, \u201edie Deutschen\u201c, dass sind diejenigen, die ein \u00e4u\u00dferes Merkmal vereint, z.B. jene mit den schwarz-rot-goldenen Pullis. Vielleicht kann man an diesem Eventpatriotismus studieren, wie gro\u00df das Bed\u00fcrfnis der Menschen (der Deutschen insbesondere?) ist \u2013 zumindest auf Zeit \u2013 sich einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen, dies lautstark zum Ausdruck zu bringen, mit geistbenebelndem Alkohol, im Schulterschluss, genderneutral und das noch mit Verdopplungseffekt des Mediums Fernseher (=> schau mal das sind wir!). Einmal \u201eGanzes-Sein\u201c d\u00fcrfen &#8230;, im K\u00f6lner Karneval, in den religi\u00f6sen Gemeinschaften und eben auch im Sport finden wir solche Erfahrungen. Das ist nat\u00fcrlich eine sehr psychologisch-funktionale Deutung des Geschehens. Pierre de Coubertin, der (Be)-Gr\u00fcnder der neuzeitlichen Olympischen Spiele hat immer wieder betont, dass der Sport die nationale Fixierung \u00fcberwinden m\u00fcsse, um einer inter-(nationale) Perspektive Platz zu machen. Ich denke, dass neben dem angesprochenen \u201eflow of community\u201c eine solche politische Deutung sinnvoll und auch realit\u00e4tsangemessen ist, eine, die die deutsche Identit\u00e4t wenn auch klischeehaft herauskehrt, die aber um Gottes willen daraus kein Recht ableitet, andere Nationen abzuwerten oder zu diskriminieren wie es im Patriotismus um 1900, z.B. an deutschen Schulen, gang und gebe war. Vielleicht kommen wir ja \u00fcber diesen Zwischenschritt zu einer neuen transnationalen Identit\u00e4t, die Europa hei\u00dft. Aber eines ist auch sicher: f\u00fcr den Sportwettbewerb wie wir ihn kennen, ist das System Europa (noch) zu gro\u00df, wer soll denn da neben Europa noch mitspielen? Und wenn es doch \u201edie Euros\u201c hei\u00dfen soll, OK, aber dann m\u00fcssten wir ein neues Spiel erfinden, mit Mannschaften wie Europa, Afrika, Asien etc. Vielleicht ist das der n\u00e4chste Schritt in Richtung eines \u201eWeltpatriotismus\u201c, um selbst mal eine Wortkreation mit heuristischen Potential anzubieten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern habe ich im Fernsehen einen mir sympathischen Begriff aufgeschnappt: \u201eEventpatriotismus\u201c &#8211; und zwar im Zusammenhang mit dem Fahnenkult rund um die Fussball-WM. Sympathisch ist mir diese Wortkreation deshalb, weil damit zum Ausdruck kommt, dass sich Menschen zeitlich begrenzt und sehr gegenstandsabh\u00e4ngig f\u00fcr etwas begeistern k\u00f6nnen. Und um diese gemeinsame Begeisterung Ausdruck zu verleihen, bedient  [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-8756","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8756","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8756"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8756\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9318,"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8756\/revisions\/9318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/didaktikbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}