{"id":8770,"date":"2006-04-14T00:00:00","date_gmt":"2006-04-13T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=8770"},"modified":"2018-08-31T20:04:28","modified_gmt":"2018-08-31T19:04:28","slug":"man-muss-wollen-dass-es-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=8770","title":{"rendered":"Man muss wollen, dass es wird"},"content":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis von \u00d6konomie und Bildung besch\u00e4ftigt mich ja schon l\u00e4nger. Angefangen hat \u201ees\u201c mit einer Hausarbeit \u2013 noch zu K\u00f6lner Zeiten. Unter dem Titel \u201eDer Nutzen des Sch\u00f6nen \u2013 Adam Smith und Friedrich Schiller\u201c versuchte ich damals voller Idealismus zu zeigen, dass sich z.B. moralisches Verhalten \u00f6konomisch legitimieren l\u00e4sst. Ich habe mich zum damaligen Zeitpunkt stark von den Begriffen individuelle und kollektive Rationalit\u00e4t leiten lassen. Im Grunde kreisten meine Gedanken um die f\u00fcr National\u00f6konomen leitende Frage, inwieweit die Wohlfahrt der gro\u00dfen Zahl zu maximieren ist; schon Smith hatte in seiner fr\u00fcheren Schrift \u201etheory of moral sentiments\u201c darauf verwiesen, dass ein moralisches Regulativ zum freien Marktgeschehen daf\u00fcr vorausgesetzt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Heute \u2013 also in der Augsburger Zeit \u2013 gehe ich die ganze Sache pragmatischer an oder anders: ich versuche mit einer Reihe von Mitstreiter (allen voran Gabi) in unserem Verein \u00d6konomie und Bildung e.V. das Thema kleiner &#8211; ohne Schiller und Smith -, konkreter und vor allem n\u00e4her an den in Institutionen herrschenden Entscheidungskalk\u00fclen zu behandeln. Von unserem Symposium 2005 \u201eWirtschaft(s)macht Schule\u201c hatte ich berichtet. 2006 steht nun ein weiteres Symposium mit dem Titel: \u201eDer Wertbeitrag des Nicht-Messbaren \u2013 Controlling zu Kommunikations- und Lernprozessen in Unternehmen\u201c an. Eine ganze Reihe interessierter Kollegen aus Unternehmen haben sich bereits angemeldet und wollen einen Beitrag in Form von Impulsvortr\u00e4gen oder Workshopleitungen \u00fcbernehmen. Offenbar kann das \u201eMessthema\u201c Resonanzen erzeugen, was nicht verwundert, gilt es doch, den Nutzen des Sch\u00f6nen :-) exakter zu definieren und eben gegen\u00fcber dem Controlling zu legitimieren (legitimierbar zu machen). Am 28. April treffe ich mich mit vier anderen Kollegen (u.a. Schick und Partner) zu konkreten Vorbereitungen (Tagesablauf, Impulsvortr\u00e4ge, Workshop etc.).<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der herannahenden, fast schon bedrohlich konkreten Fragen z.B. um \u201ewiederverwertbare Kennzahlen etc.\u201c ist mir aber auch wichtig, die Grundsatzfrage zum Zusammenspiel von \u00d6konomie und Bildung \u2013 zun\u00e4chst als Antagonisten gedacht \u2013 wach zu halten (allzu oft wird das von den Praktikern als Gesabbel runter gemacht). Ich hatte vor einiger Zeit mit meinem gesch\u00e4tzten ;-) Sebastian Fiedler hierzu ein l\u00e4ngeres Telefonat, wobei es zu zwei unterschiedlichen Positionen kam. Um das Gespr\u00e4ch nachvollziehen zu k\u00f6nnen, ist es sinnvoll, wenn ich mit meiner Position beginne: Ich gehe davon aus, dass all unsere gesellschaftlichen Bereiche oder Subsysteme von der \u00f6konomischen Maxime durchzogen sind; man spricht hier auch vom \u00f6konomischen Imperialismus (Homann\/Suchanek). Die Allgegenwart von Kennzahlen, Qualit\u00e4tssicherung, Kunden- und Servicedenke auch in Non-Profit-Organisationen zeugen davon, auch wenn sich hieraus kein zwingender Handlungsimperativ f\u00fcr den Einzelnen ergibt. Ich glaube daran, dass man Wissens-, Lern-, und Kommunikationsprozesse oder Bildung allgemein mit dem Instrumentarium der \u00d6konomie rechtfertigen und begr\u00fcnden kann und MUSS! \u201eKann\u201c deshalb, weil ich daran glaube, dass das \u00f6konomische Prinzip offen ist f\u00fcr jede Art von Nutzen und dieser nicht zwingend (auch wenn das der main stream ist) auf den engen betriebswirtschaftlichen Nutzenbegriff eingeschr\u00e4nkt werden muss. \u201eMuss\u201c deshalb, weil ich kein Alternativkonzept vor dem Hintergrund des \u00f6konomischen Imperialismus sehe. Wer heute noch idealistische Forderungen stellt, die sich nicht mit der \u00f6konomischen Matrix kombinieren lassen, der wird nicht geh\u00f6rt, erzeugt lediglich Rauschen. Was mir vorschwebt, ist eine &#8222;\u00d6konomie der Redundanz&#8220; oder noch weiter getrieben eine &#8222;\u00d6konomie der Kontemplation&#8220;. Mir ist bewusst, dass ich damit in einem gewissen Sinne kapituliere, meine Haltung entidealisiere oder wie man sagt, pragmatisch werde (ein sicheres Zeichen f\u00fcr das \u00c4lterwerden). Soweit, ich komme zu Sebastian. Er glaubt nicht daran, will nicht daran glauben, dass es so was wie einen \u00f6konomischen Imperialismus gibt, er akzeptiert vor allem nicht, dass das \u00f6konomische Prinzip daf\u00fcr geeignet ist, Bildungsinteressen im weitesten Sinne durchzusetzen oder zu legitimieren. W\u00e4hrend ich den Schulterschluss zur \u00d6konomie suche (in dem ich den Nutzenbegriff erweitern will), ist er misstrauisch und skeptisch gegen\u00fcber dem \u00f6konomischen Prinzip, weil, so sagt er, damit Machtverh\u00e4ltnisse stabilisiert werden. Er sieht in der \u00d6konomie einen Gegenspieler von Bildung, weil die erste Macht erh\u00e4lt und ausbaut, die zweite Macht relativiert (im Diskurs relativieren kann).<\/p>\n<p>So verschieden unsere L\u00f6sungsans\u00e4tze zun\u00e4chst scheinen, so einig sind wir uns doch in der Sache. Wir leben beide f\u00fcr das Ideal einer autonomen Bildung, sehen also eben diese wenn auch antiquiert klingende Bildung als erstrebenswert an \u2013 individuell und kollektiv! Er verfolgt den Weg der fruchtbaren Konfrontation, ich verfolge den Weg der systemischen Transformation. Kollektiv rational deshalb, weil in einer sog. Wissensgesellschaft die Differenz und eben nicht der mean stream zum Wohlstandsstabilisator wird. Es gilt halt \u201enur\u201c noch, die Differenz (= Bildung) in die nivellierende Funktionslogik von Organisationen zu integrieren. Der think tank als Quarant\u00e4netraum f\u00fcr die \u201eGspinnerten\u201c ist sicher nicht der richtige Ansatz. Spinner- und Querdenkertum sind zwar gefl\u00fcgelte Worte f\u00fcr ein Innovationsland, doch hat man im Grunde in Organisationen daf\u00fcr keinen rechten Platz, weil man ja den Mehrwert des \u201ean einem Strang ziehen\u201c nicht gef\u00e4hrden will. Organisationen m\u00fcssen sich \u00e4ndern, Organisationskultur muss sich \u00e4ndern, Differenz ist keine Gefahr, wenn die Kultur Differenz als konstituierendes Element enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Am Ende will ich noch einmal auf einen Aufsatz kommen, den ich gerade gelesen habe. Es handelt sich um einen 15-seitigen Text von Peter Heintel und Larissa Krainer, Titel: Bildung und \u00d6konomie. Der Text ist lesenswert wie ich finde. Im Kern warnen die Autoren vor der Reduktion der Bildung auf ihre Brauchbarkeit f\u00fcr Wirtschaft und Staat. Gegen Ende wird ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine \u201efreie\u201c Bildung gehalten, deren Nutzen in einer m\u00fcndigen, zivilen Gesellschaft m\u00fcndet. Insbesondere der letzte Abschnitt \u2013 die Konsequenzen \u2013 will ich hier etwas l\u00e4nger zitieren:<\/p>\n<p>    Was jedenfalls zu dieser neu zu generierenden Bildung hinzugeh\u00f6rt, ist eine grunds\u00e4tzliche Analyse des (\u00f6konomisch) Brauchbaren und N\u00fctzlichen sowie ihrer Grenzen. Es l\u00e4sst sich zwar vieles an traditionellem Wissen, an spezieller (Fach-)Bildung auf Brauch- und Verwendbarkeit beziehen und reduzieren. So wird auch f\u00fcr jedes Kulturereignis die \u201cUmwegrentabilit\u00e4t\u201d angegeben werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Uns jetzt kommt die f\u00fcr mich wichtige Passage:<\/p>\n<p>    In letzter Konsequenz unterliegt diese Reduktion aber einem selbstzerst\u00f6rerischen Trugschluss. Verwertbarkeitskriterien werden n\u00e4mlich meist in kausal-mechanistischen Modellvorstellungen gedacht. Hier eine \u201cSchl\u00fcsselqualifikation\u201d, da ihre Anwendung; hier spezieller Wissenserwerb, dort seine funktional aufweisbare Brauchbarkeit. Bereits Max Weber hat in diesem Modell seine funktionale \u201cIdealb\u00fcrokratie\u201d zur Vorstellung gebracht, die allerdings nie so wie beschrieben eingerichtet wurde. Damit n\u00e4mlich Verwertbarkeit garantiert ist, muss sie von zus\u00e4tzlichen Wissens- und Bildungsfaktoren \u201cbegleitet\u201d sein. Ohne \u201csoft facts\u201d keine \u201chard facts\u201d. Man muss z.B. zusammenarbeiten wollen, vertrauen, dass der andere das gleiche will, muss davon ausgehen, dass man sich auf Zusagen und Vereinbarungen verlassen kann, dass Vertr\u00e4ge auch ohne rechtliche Einforderung \u201chalten\u201d etc. Es muss also viel geschehen und vorausgesetzt werden, damit N\u00fctzlichkeit sein kann. Wird aber darauf keine R\u00fccksicht genommen, ist auch diese N\u00fctzlichkeit gef\u00e4hrdet; sie wurde immer schon von einer \u201cgeheimen Ethik\u201d begleitet, und diese muss insbesondere dann bewusst gemacht werden, wenn funktionaler Reduktionismus meint, ohne sie auskommen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich frage mich nach diesen Zeilen, ob Sebastian nicht doch Recht hatte, mit seiner Skepsis. Ob nicht eben die Vermischung von autonomer, freier Bildung und \u2013 wie es die Autoren nennen \u2013 heteronomer Bildung zu einer Aufl\u00f6sung der \u201egeheimen Ethik\u201c f\u00fchrt. Die Autoren pl\u00e4dieren in ihrer L\u00f6sungsperspektive mit \u00e4hnlichen Kategorien, wie ich sie oben andeuten wollte:<\/p>\n<p>    Es geht um Themen wie: Gestaltung und Organisation selbstreflexiver Kommunikation, um die Einrichtung von Widerspruchselementen in Systemen, um die Aufhebung hinderlicher Arbeitsteilung (BildungsexpertInnen als SpezialistInnen, die wissen sollen, was f\u00fcr andere \u201cLaien\u201d Bildung ist), um die Etablierung anderer Zeitstrukturen, um die Identifikation von f\u00f6rderlichen Hilfsmitteln (z.B. Neue soziale Architekturen, Designs, Kunst als Darstellungs- und Reflexionshilfe, als kollektives Integrationsmittel etc.). Es geht also um den Einbau einer \u201cZwischenebene\u201d, die freie Bildung erst erm\u00f6glicht; sie ist aber damit Teil von Bildung selbst und nicht von ihr abzutrennen. Dies mu\u00df auch deshalb hervorgehoben werden, weil wir hier lernen m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Was nehme ich mit in die Ostertage? Ich denke, dass wir mit unseren Vereinsaktivit\u00e4ten auf dem richtigen Weg sind, denn nur wenn man anschlussf\u00e4hige Positionen anbietet, ist die notwendige Bedingung f\u00fcr einen gemeinsamen Diskurs erf\u00fcllt und, das wei\u00df ich vom gro\u00dfen Schulmeister :-), man spricht erst dann vom Diskurs, wenn man an dem Punkt kommt, wo man sich gerade nicht mehr versteht. Diesen Punkt beim Thema \u201eBildung\u201c zu erreichen ist nicht schwer, zu verschieden sind die Erwartungen an diesen genuin deutschen Begriff mit seinen metaphysischen Implikationen. Dennoch: Ich halte gerade dieses schwerf\u00e4llige deutsche \u201eIdeal\u201c f\u00fcr fruchtbar, weil man sich daran reibt, weil es durch die Realit\u00e4t nicht eingeholt werden kann, weil es wegen seines Status (Ideal) immer \u201eMa\u00dfstab f\u00fcr zu Messendes bleiben muss\u201c ( Heintel &#038; Krainer).<br \/>\nt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis von \u00d6konomie und Bildung besch\u00e4ftigt mich ja schon l\u00e4nger. Angefangen hat \u201ees\u201c mit einer Hausarbeit \u2013 noch zu K\u00f6lner Zeiten. Unter dem Titel \u201eDer Nutzen des Sch\u00f6nen \u2013 Adam Smith und Friedrich Schiller\u201c versuchte ich damals voller Idealismus zu zeigen, dass sich z.B. moralisches Verhalten \u00f6konomisch legitimieren l\u00e4sst. 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