{"id":8799,"date":"2006-12-03T00:00:00","date_gmt":"2006-12-02T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=8799"},"modified":"2018-08-31T20:04:07","modified_gmt":"2018-08-31T19:04:07","slug":"wir-nennen-es-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=8799","title":{"rendered":"Wir nennen es Arbeit &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Alex hat mir den Text \u201eLehre zum Spottpreis\u201c zugespielt. In diesem Artikel geht es darum, dass an deutschen Universit\u00e4ten Lehrbeauftragte wenig bis kein Geld f\u00fcr ihre Arbeit bekommen. In K\u00fcrze: arbeiten ohne Lohn. Wir hatten das Thema schon einmal angesprochen. Nun &#8230;ich kann zun\u00e4chst all das Wehklagen der Betroffenen nachvollziehen, die dort sagen, dass diese Situation \u201euntragbar\u201c ist. Die Argumente daf\u00fcr sind vielschichtig: man beruft sich auf den Standpunkt, dass Arbeit an sich einen Wert hat und bezahlt werden m\u00fcsse (ideologischer Aspekt); man sagt, dass die Arbeit der Lehrbeauftragten ein nicht unwesentlicher Pfeiler in der universit\u00e4ren Lehre ist (funktionaler Aspekt); man sagt, dass es ein gutes Recht von wissenschaftlich interessierten und f\u00e4higen Menschen ist, im universit\u00e4ren Raum eine irgendwie angemessene Bezahlung zu bekommen (rechtsliberaler Aspekt). Diese Liste lie\u00dfe sich fortsetzen und f\u00fcr die \u201ealte\u201c Universit\u00e4t gelten die Argumente alle, &#8230; irgendwie.<\/p>\n<p>Die \u201eneue\u201c Universit\u00e4t des 21. Jahrhunderts aber \u2013 man denkt dabei komischer Weise an eine Art Erstarkung \u2013 ist eine Universit\u00e4t der Notlage. Ich denke dabei an die Notlage der Finanzen, aber auch an die Notlage der Ideen (mit Notlagen umzugehen).<\/p>\n<p>    * Die finanzielle Notlage hat dazu gef\u00fchrt, dass der Mittelbau \u2013 also jener Teil in der Universit\u00e4t, der einen Gro\u00dfteil der Lehre zu stemmen hatte \u2013 in den Ruhestand geschickt wurde. Diese klaffende L\u00fccke f\u00fcllt man nun mit willigen Lehrbeauftragen, die f\u00fcr kleines Geld einspringen. Die Motive sind unterschiedlich: CV-Optimierer, Patchworker, Idealisten. Aus einer kurzsichtigen \u00f6konomischen Perspektive heraus ist das prima: die Personalkosten sind um den Faktor x in den Keller gefallen, das Sparpotential wird in die renditetaugliche Forschung gesteckt und die Lehre \u2013 das f\u00fcnfte Rad am Wagen \u2013 l\u00e4uft &#8230; irgendwie. Mit den Studiengeb\u00fchren wird sich das etwas ver\u00e4ndern, die Kundenorientierung sorgt daf\u00fcr, dass nur noch \u201egute\u201c Lehrbeauftragte ihren Dienst tun werden.<br \/>\n    * Die Notlage der Ideen ist gerade in Deutschland sehr krass und sie h\u00e4ngt unmittelbar mit dem Thema Lehre zusammen. Wir tun immer noch so, als ob die Universit\u00e4t und damit der Staat das Problem selber l\u00f6sen k\u00f6nnte. Aus dieser Richtung wird aber nichts kommen, hier und da mal ein paar Millionen \u201eAnschub &#038; Sonderprogramm\u201c, aber nix Nachhaltiges. Denkbar w\u00e4re hier, die Lehre viel systematischer mit Institutionen au\u00dferhalb der Uni zu vernetzen: Industrie, NGO, Kammern etc. Ich h\u00f6re die Gegenargumente: Einflussnahme, platte Nutzenorientierung etc. Aber das muss nicht sein, nicht zwingend, hier ist \u00f6konomisch aufgekl\u00e4rte didaktische Kreativit\u00e4t gefordert (eine lustige Wortfolge). Zumindest haben wir das mal f\u00fcr unseren Studiengang beispielhaft durchgespielt. Die Grundidee ist: Verbinde komplexe Probleml\u00f6semechanismen mit Anwendungsbeispielen aus der Praxis. Erarbeite L\u00f6sungen f\u00fcr die Praxis UND erarbeite Generalisierungen der Probleml\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Aber diesen Aspekt will ich hier gar nicht weiter vertiefen. Mich hat der o.g. Artikel auch etwas ge\u00e4rgert. Mich \u00e4rgert das Gejammer, ja das Gejammer junger Menschen, die f\u00fcr sich reklamieren, intelligent zu sein (jeder nat\u00fcrlich auf seine Art und in seinem Fach). Was machen all diese Intelligenzen: sie klagen und schimpfen, bis zur Verweigerung oder Aufgabe. HA! DAS IST NICHT INTELLIGENT, WEIL ES NICHT FUNKTIONIERT, weil diese Verhalten zu nichts f\u00fchrt. Zwei Wege sind denkbar:<\/p>\n<p>(1) Wenn man unterstellt, dass die T\u00e4tigkeit der Lehrbeauftragten in Deutschland so enorm wichtig ist, dann muss man das zeigen! Es nutzt nichts, wenn einer sagt, ihr k\u00f6nnt mich mal. ALLE m\u00fcssen zu einem Zeitpunkt x aussteigen \u2013 also der klassische Streikansatz mit Gewerkschaftslogik. Aufmerksamkeit erzielt man nur, wenn man das System hinreichend st\u00f6rt, St\u00f6rung muss koordiniert werden. Das mag zwar individuell irrational sein (Job verlieren), ist aber kollektiv sehr rational (und wenn es klappt, nat\u00fcrlich mit positiven Effekten f\u00fcr den einzelnen Lehrbeauftragten.<\/p>\n<p>(2) Niemand kann mir erz\u00e4hlen, dass er von seinem Lohn als Lehrbeauftragter lebt, das w\u00e4re ein Anspruch, der unvern\u00fcnftig w\u00e4re. Ich w\u00fcnsche mir auch, dass ich mit 2 Tagen Arbeit meinen Lebensunterhalt verdienen kann, geht aber nicht. Von daher ist es logisch, dass jeder, der an der Universit\u00e4t u.a. Lehre macht, einen oder mehreren weiteren T\u00e4tigkeiten (Beruf?) nachgeht. \u201eUni\u201c ist dann so etwas wie pers\u00f6nliche Weiterbildung mit einer symbolischen UND finanziellen Anerkennung. Symbolische Anerkennung???? Ja! H\u00f6here Beweggr\u00fcnde, soziales Kapital, Respektnetzwerke, Vitamin B. All das sind Begriffe f\u00fcr eine neue W\u00e4hrung in einem neuen Spiel \u2013 das (zumindest teilweise) funktioniert, &#8230; wie Holm Friede und Sascha Lobo in ihren Buch \u201eWir nennen es Arbeit : die digitale Boh\u00e8me oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung \u201c postulieren.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, auch diese verlockenden Andeutungen bergen Fallen und es ist an vielen Stellen nur \u201eangedacht\u201c. F\u00fcr mich ist die Wendung \u201eJenseits der Festanstellung\u201c eine positive Antwort, \u00fcberhaupt eine Antwortperspektive in einer kritischen \u00dcbergangszeit, in der sich nicht nur die Universit\u00e4t, sondern auch die Lehr-\u201ebeauftragten\u201c neu erfinden m\u00fcssen. In jedem Fall gilt: Die aus einer arbeitsteiligen Industrielogik heraus entstandenen Monsterbegriffe (Fragmente), wie z.B. einen \u201eLehrbeauftragten f\u00fcr besondere Aufgaben\u201c und den dahinter stehenden Anforderungsprofilen, m\u00fcssen neuen Formen einer multiplen Arbeit bzw. Erwerbsauffassung weichen, die das offene Zusammenspiel von Technologie, Kultur, Politik, sozialem Wandel Rechnung tragen. Die Universit\u00e4t ist sicher der letzte Ort, an dem man \u201esicher unter kommen\u201c kann. Wer das will, der sollte zu BMW gehen, &#8230; habe ich mir sagen lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex hat mir den Text \u201eLehre zum Spottpreis\u201c zugespielt. 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