{"id":8837,"date":"2008-02-09T00:00:00","date_gmt":"2008-02-08T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=8837"},"modified":"2018-08-31T20:04:27","modified_gmt":"2018-08-31T19:04:27","slug":"pathologie-der-reflexion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=8837","title":{"rendered":"Pathologie der Reflexion"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><img class=\"lazyload\" decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27250%27%20height%3D%27187%27%20viewBox%3D%270%200%20250%20187%27%3E%3Crect%20width%3D%27250%27%20height%3D%27187%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-orig-src=\"\/wp-content\/uploads\/archive\/herbst_1.jpg\" alt=\"\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"250\" height=\"187\" align=\"left\" \/>Ich erinnere mich an sch\u00f6ne Sommertage, an denen ich mit dem Fahrrad unterwegs bin.<span>  <\/span>Wenn die Luft im Stehen flimmert, dann macht der k\u00fchle Wind w\u00e4hrend der Fahrt besonders Freude. Manchmal, aber nur manchmal, erwische ich mich bei der reinen Unvernunft,<span>  <\/span>dann wenn ich die Augen schlie\u00dfe, den Kopf in den Nacken fallen lasse,<span>  <\/span>die H\u00e4nde vom Lenkrad nehme und sie in die Horizontale strecke, wenn ich die angenehme K\u00fchle auf der Haut und den Wind in den Haaren sp\u00fcre. Dann verschmelze ich f\u00fcr einen kurzen Augenblick mit der Situation, meine sonst so rege arbeitende Ich-Instanz macht die Augen zu, Beobachter und zu Beobachtendes f\u00e4llt in Eins. Ich \u201eerfahre\u201c mich. Erst im Nachgang stelle ich fest, wie dumm es war, einfach die Augen zu schlie\u00dfen, es h\u00e4tte was passieren k\u00f6nnen, ein Hund , ein Auto, ein Stein. Doch dann werfe ich meiner Kontrollinstanz einen frechen Blick zu und sage: \u2026 es war sch\u00f6n und ich tue es wieder. <\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Warum schreibe ich sowas? Vor zwei Tagen hatte ich ein gutes Gespr\u00e4ch mit <a href=\"http:\/\/medienpaedagogik.phil.uni-augsburg.de\/randnotizen\/\">Alex Florian<\/a> und <a href=\"http:\/\/tjlog.wordpress.com\/\">Tobias Jenert <\/a>\u00fcber \u201eden Hintergrund des Seienden\u201c, also ein Gespr\u00e4ch quer Beet und gar nicht so schwer wie es klingt. U.a. haben wir \u00fcber die Grenzen von Reflexionen im Hochschulkontext gesprochen. Gegenw\u00e4rtig hat man ja den Eindruck, als ob die technologiegest\u00fctzte Reflexion via Blog, Portfolio etc. die Erfindung des neuen Jahrtausends ist, mit dessen Hilfe \u201ealles besser wird\u201c. Mit Tobias war ich mir dann auch schnell einig, dass die permanente Anstiftung zur Reflexion bei Studierenden auch! kontraproduktiv sein kann, weil zu viele und andauernde Reflexionen l\u00e4hmend wirken <span> <\/span>\u2013 in diesem Zusammenhang fiel das sicherlich nicht ganz passende Stichwort \u201ePathologie\u201c, also f\u00fcr unsere Belange ein krankhaftes Bewusstsein, das gar nicht mehr in der Lage ist, \u201ebei der Sache zu sein\u201c und sich \u201eganz auf die Sache\u201c einzulassen. Was hei\u00dft das? Es kommt vor, dass Studenten\/Innen<span>  <\/span>\u2013 gerade in den beschleunigten und verdichteten BA\/MA Studieng\u00e4ngen berichten,<span>  <\/span>dass sie allerlei Dinge machen, aber wenig erfahren haben. Trotz guter oder bester Noten, trotz einem Berg von Hausarbeiten und Referaten und universit\u00e4ren Projekten will sich eine tiefe Befriedigung, ein Gef\u00fchl von \u201egemachter Erfahrung\u201c und damit auch Gelassenheit nicht einstellen, warum nur?<span>  <\/span>Ich wei\u00df darauf auch keine schnelle Antwort, aber es hat, glaube ich, etwas mit dem zu tun, von dem ich eingangs berichtete: Haare im Wind und verschmelzen mit der Situation. <\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Mir schie\u00dft bei diesem Thema F. Nietzsche durch den Kopf, seine \u201eZukunft der Bildungsanstalten\u201c sind immer noch zeitgem\u00e4\u00df, meine ich. Nietzsche beschreibt hier seine \u201eStudentenzeit\u201c: (\u2026) <em>Wir versetzen uns in mitten in den Zustand eines jungen Studenten hinein, das hei\u00dft in einen Zustand, der, in der rastlosen und heftigen Bewegung der Gegenwart, geradezu etwas Unglaubw\u00fcrdiges ist, und den man erlebt haben mu\u00df, um ein solches unbek\u00fcmmertes Sich-Wiegen, ein solches dem Augenblick abgerungenes gleichsam zeitloses Behagen \u00fcberhaupt f\u00fcr m\u00f6glich zu halten. In diesem Zustand verlebe ich, zugleich mit einem gleichaltrigen Freund, ein Jahr in der Universit\u00e4tsstadt Bonn am Rhein: ein Jahr, welches durch die Abwesenheit aller Pl\u00e4ne und Zwecke, losgel\u00f6st von allen Zukunftsabsichten, f\u00fcr meine jetzige Empfindung fast etwas Traumartiges an sich tr\u00e4gt, w\u00e4hrend dasselbe zu beiden Seiten, vorher und nachher, durch Zeitr\u00e4ume des Wachseins eingerahmt ist.<\/em> (\u2026) [F. Nietzsche, dtv, 1988, 652f.] \u201eSich-Wiegen\u201c, \u201ezeitloses Behagen\u201c, \u201eAbwesenheit aller Pl\u00e4ne und Zwecke\u201c \u2026 das liest sich in der Tat wie aus einer anderen Zeit, vielleicht auch wie aus einer anderen Welt. <\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Nur, was hat das alles mit \u201eReflexion (2.0) an Hochschulen\u201c zu tun? Mit der Frage, ob wir heute technologiegetrieben zu viel und \u00fcber wenig Ertragreiches reflektieren oder genauer, einen zu eingeschr\u00e4nkten Reflexionsbegriff haben, der die unterschiedlichen Qualit\u00e4ten der Erfahrungen, die wir als Menschen! potentiell machen k\u00f6nnen, nicht ber\u00fccksichtigt. Ich wei\u00df auf diese Frage auch keine schnelle Antwort, mich interessiert erst einmal das Ph\u00e4nomen auch wenn es nur Einzelbeobachtungen sind. Was aber auff\u00e4llt ist, dass junge Studenten\/Innen heute mit \u00fcberschw\u00e4nglicher Euphorie mit der Idee der Selbststeuerung konfrontiert werden, alles unter dem gut begr\u00fcndeten Dach des Lebenslangen Lernens.<span>  <\/span>Selbststeuerung greift im Kern auf die oben angesprochene Reflexion zur\u00fcck, die wiederum (in der aktuellen Lesart) auf metakognitive Steuerungsprozesse fu\u00dft: <span> <\/span>Ziele setzen k\u00f6nnen, Lernprozesse alleine oder in der Gruppe beobachten und steuern, Lernziele bewerten und Schlussfolgerungen f\u00fcr das weitere Lernen ziehen k\u00f6nnen. Man merkt schnell: Die aktuelle Reflexionsdebatte mit dem metakognitiven Steuerungskonzept im Schlepptau l\u00e4uft Gefahr einen Erfahrung-Begriff zu favorisieren, der wenig Raum f\u00fcr Vorsprachliches und \u00c4sthetisches hat.<span>    <\/span><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Vorsprachliches und \u00c4sthetisches? Ja, sicher! Worin liegt dann aber der Wert, gar der \u201eBildungs\u201c-Wert einer solchen Erfahrung, die nicht immer in G\u00e4nze der Reflexion zug\u00e4nglich ist? Folgt man den ph\u00e4nomenologischen Analysen (z.B. Schmidt-Millard, 1995), so sind solche Erfahrungen n\u00e4mlich \u201edie eigentlichen Fundamente im Weltbezug und konstituieren \u201adas leibliche Selbst\u2018.\u201c <\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eLeibliches Selbst\u201c: Ich bin noch nicht soweit, dass ich den Zusammenhang von Erfahrung, Reflexion und eben das genannte leibliche Selbst genau vor mir habe, aber ich bin zuversichtlich, dass die eingangs geschilderten \u201eSinneserfahrungen\u201c und die im Nachgang reflexiv-rekonstruierten \u00e4sthetischen Zuschreibungen etwas damit zu tun haben. Hier aber noch mal die Frage: was ist der Bildungswert? Der liegt wohl darin, dass ich sagen kann, ICH habe das ERLEBT, ich BIN das ERLEBTE, ich habe ES sozusagen \u201eim Blut\u201c. Damit wird eines klar(er): Wer das sagen kann, der hat ein St\u00fcck Gelassenheit gewonnen, einen STANDPUNKT. Ich meine, wer \u201efeste Pers\u00f6nlichkeiten\u201c f\u00fcr ein einigerma\u00dfen hartes Arbeitsleben nach dem Studium heranbilden m\u00f6chte, der kommt an diesen Standpunktfragen mit einem weiten Erfahrungsbegriff und entsprechenden M\u00f6glichkeiten in der Hochschule nicht vorbei. Dahinter steckt eine entsprechende Reflexionskultur, die bewusst auch au\u00dferreflexive Erfahrung zul\u00e4sst und f\u00f6rdert, beispielsweise im Spiel oder der sch\u00f6pferischen Arbeit. Dass das alles nicht so schwer ist wie es klingt, sollte weiter oben deutlich geworden sein: \u2026 \u201ees war sch\u00f6n und ich tue es wieder\u201c, dar\u00fcber kann man ja mal ordentlich \u201ereflektieren\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erinnere mich an sch\u00f6ne Sommertage, an denen ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. 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