{"id":8864,"date":"2008-12-10T00:00:00","date_gmt":"2008-12-09T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=8864"},"modified":"2018-08-31T20:04:12","modified_gmt":"2018-08-31T19:04:12","slug":"sonderfaelle-die-professoren-herrmann-und-mittelstrass-im-gespraech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=8864","title":{"rendered":"SONDERF\u00c4LLE &#8211; Die Professoren Herrmann und Mittelstrass im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"lazyload\" decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27215%27%20height%3D%2782%27%20viewBox%3D%270%200%20215%2082%27%3E%3Crect%20width%3D%27215%27%20height%3D%2782%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-orig-src=\"\/wp-content\/uploads\/archive\/logo%20HHSS%20ob.JPG\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"82\" align=\"left\" \/>Gestern Abend haben wir (\u00d6konomie und Bildung e.V.) unseren dritten und damit (vorerst) letzten Workshop zusammen mit der <a href=\"http:\/\/www.hss.de\/homepage.shtml\">Hanns-Seidel-Stiftung<\/a> durchgef\u00fchrt. Unter der Leitfrage: \u201e<a href=\"\/wp-content\/uploads\/archive\/programm_universitaet.pdf\">Ist die \u00d6konomisierung der Bildung \u00f6konomisch<\/a>?\u201c waren die Professoren <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_A._Herrmann\">Herrmann<\/a> (TUM) und <a href=\"http:\/\/www.uni-konstanz.de\/FuF\/Philo\/Philosophie\/Mitarbeiter\/mittelstrass\/homepage.htm\">Mittelstrass<\/a> (Universit\u00e4t Konstanz) eingeladen, also zwei \u00fcber die Landesgrenzen hinweg bekannte Wissenschaftler, um \u00fcber den speziellen Kontext \u201eUniversit\u00e4t\u201c zu diskutieren; Herr Dr. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_Spaenle\">Spaenle <\/a>(MdL), als geladener Vertreter der Politik, musste leider kurzfristig absagen. Die Zuh\u00f6rerrunde war ebenfalls gut besetzt: Neben Staatsministier a.D. Goppel waren Vertreter aus Wissenschaft, Berufsverband (Recht, Psychologie) und Schule, Journalisten sowie Studenten und Studentenvertreter anwesend (insgesamt ca. 50 Personen). Beste Voraussetzung f\u00fcr einen spannenden Abend!<\/p>\n<p>Nach Einleitung durch die Professoren H\u00f6fling und B\u00f6hle kam als erster Herr Prof. Herrmann, Pr\u00e4sident der TUM und Boardmember des neu gegr\u00fcndeten <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/eit\/\">EIT<\/a>, zu Wort: Er zeichnete die Idee und Realit\u00e4t \u201eseiner\u201c TUM nach, wobei er insbesondere auf den Zusatz \u201eunternehmerische\u201c Universit\u00e4t einging. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr eine recht verstandende \u00d6konomisierung der Hochschule, weil eine verantwortungsvolle und auf Zukunft gerichtete F\u00fchrung, ressourcen-, leistungs- und investitionenoientiert denken M\u00dcSSE. Eine sich als Katalysator verstehende Universit\u00e4tsleitung sei diesen Grunds\u00e4tzen verpflichtet, will sie im Wettbewerb um die besten K\u00f6pfe der Welt die Nase vorn haben. Bei aller Liebe zur \u201e\u00d6konomisierung\u201c \u2013 Herrmann spricht lieber in der Kategorie des unternehmerischen Denkens und Handelns \u2013 warnt er vor einer buchhalterischen Trivial\u00f6konomie: <em>Vertrauen<\/em> in die Leistungen der Mitglieder, <em>100%<\/em> Freiheit in Forschung und Lehre, <em>gro\u00dfz\u00fcgige Intervalle<\/em> zu einem <em>gem\u00e4\u00dfigten<\/em> Input-Output-Controlling, kurz: Man m\u00fcsse wissen wie der Laden \u201etickt\u201c, wissen wie Lehre und Forschung funkionieren, nur dann k\u00f6nnen man angemessen steuern oder in seinen Worten: katalysieren. Damit weist er indirekt darauf hinwei\u00dft, dass man Menschen nicht steuern kann wie chemische Experimente. Soweit zu Herrmann und seinen klaren Ausf\u00fchrungen zur unternehmerischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Prof. Mittelstrass, der Vorsitzender der gleichnamigen Expertenkommission f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/bildungsklick.de\/pm\/5456\/wissenschaftsland-bayern-2020\/\">Wissenschaftsland Bayern 2020<\/a>, erinnert in seinem Referat an die impliziten Voraussetzungen der wissenschaftlichen Arbeit: Freiheit, Wettbewerb, Transparenz und Strenge. Aufgehoben sieht er diese Konstitutionsmerkmale in einer \u00e4u\u00dferen wie inneren Autonomie, d.h. einem Schutz vor au\u00dferuniversit\u00e4ren Interessens\u00fcbergriffen bei gleichzeitiger innerer Verpflichtung der Hochschulmitglieder zur redlichen wissenschaftlichen Arbeit. Er warnt eindringlich vor dem Verlust dieser Autonomien und markiert damit sein Verst\u00e4ndnis einer nicht zu duldenen \u00d6konomisierung, z.B. hervorgerufen durch die Bologna-Reform mit ihren G\u00e4ngelungen oder Hochschulr\u00e4ten mit Partikularinteressen. Er setzt letztlich auf Selbstregulation: \u201eWissenschaft muss mit Wissenschaft bek\u00e4mpft (reguliert) werden\u201c. Soweit eine knappe Skizze zu Mittelstrass.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war der gestrige Abend an vielen Stellen erhellend. Herrmann und Mittelstrass boten in ihren Referaten Reinformen, Sonderformen oder besser idealtypische Modelle an, wie man sich Universit\u00e4t denken (und in ihnen agieren) kann. Regulative Idee f\u00fcr Herrmann ist das Konzept des Unternehmertums, damit erzielt er Ordnung in den Binnenbereichen der Universit\u00e4t und nach au\u00dfen zu Wirtschafts- und Politikpartnern sowie im schwierigen Grenzverkehr zwischen innen und au\u00dfen. Wer kann bei Stichworten wie Leistung, Erfindungen, Zukunft und Nachhaltigkeit widersprechen? Das \u00d6konomische ist hier nicht Zweck, sondern bestenfalls Mittel f\u00fcr \u201einnovative L\u00f6sungen\u201c. Ansagen wie: \u201eDie TUM hat nur drei akkreditierte Studieng\u00e4nge, wir machen den Bl\u00f6dsinn nicht mit!\u201c zeigen die (potentielle) Macht von Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten sich vom (quasi-\u00f6konomischen) Mainstream zu distanzieren. Herrmanns Universit\u00e4tsidee scheint von inneren und \u00e4u\u00dferen Widerspr\u00fcchen frei zu sein, sicher auch deshalb, weil die unternehmerische Universit\u00e4t das Wohl der Organisation im Blick hat und das Wohl der Einzelperson nachrangig behandelt \u2013 die Verh\u00e4ltnisse sind geregelt. Aber zu welchem Preis? Vor den T\u00fcren Roms (der TUM) bleiben alle sitzen, die nicht leisten k\u00f6nnen oder \u2026 wollen. \u00a0<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re es vollkommen falsch, die Position von Herrn Mittelstrass gegen\u00fcber dieser leistungs- und ergebnisliebenden Position abzugrenzen: Die regulative Idee von Mittelstrass ist die \u201eSelbstbildung\u201c in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Das hat nichts mit Selbstverliebtheit oder Tr\u00e4umerei zu tun, sondern fordert ebenfalls Leistung in Form von strenger Geistesarbeit ein. In der Folge wehrt er sich auch gegen irrige Vorstellungen, die Universit\u00e4t m\u00fcsse der pers\u00f6nlichen Selbstverwirklichung, dem Eigenexperiment oder der Erziehung zur demokratischen Gesinnung dienen. Leistung ist bei Mittelstrass &#8211; im Gegensatz zu Herrmann &#8211; individuumzentriert, d.h. die Entwicklung der personalen Urteilskraft ist Zweck SEINER Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Was hilft diese Analyse bei unserer Leitfrage, bei der Frage, wie die beiden Herren (als Modelle) mit der freiwilligen oder unfreiwilligen \u00d6konomisierung umgehen? Ich denke bei Herrmann wird deutlich, dass er die \u00d6konomisierung weniger als Schicksal, sondern als Gestaltungsfaktor empfindet und nutzt! F\u00fcr Mittelstrass bleibt die \u00d6konomie letztlich ein gef\u00e4hrlicher Gegner, nicht der Buchhalter in der Verwaltung macht im Angst, sondern der auf Entpersonalisierung und blo\u00dfe Verrechnung abstellende homo oeconomicus. Dieser wird zwar in \u00f6konomieaffinen Begriffen wie \u201eEvaluation\u201c oder \u201eQualit\u00e4tssicherung\u201c lebendig, die Effekte die er mit sich bringt sind aber un\u00f6konomisch, weil sie die Grundlage der Universit\u00e4t (die angesprochenen Autonomien) zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wie immer war die Diskussion an vielen Stellen schwindlig hoch, allein die Begriffe Autonomie, Kunde, Wettbewerb, Unternehmertum, Wissen und Wissenschaft f\u00fchren nicht dazu, dass man die Sachen anfassen konnte (da war das Rollenspiel-Video-Intermezzo im Nachgang zu den Impulsreferaten wohltuend konkret :-). Die relativ vielen R\u00fcckmeldungen und Fragen der Zuschauer sowie freundliche und scharfe Antworten der Redner haben aber dazu beigetragen, dass einige Pfl\u00f6cke in den Boden geschlagen werden konnten \u2013 die beiden Denkmodelle waren zwei davon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend haben wir (\u00d6konomie und Bildung e.V.) unseren dritten und damit (vorerst) letzten Workshop zusammen mit der Hanns-Seidel-Stiftung durchgef\u00fchrt. 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