{"id":8956,"date":"2011-10-02T00:00:00","date_gmt":"2011-10-01T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=8956"},"modified":"2021-09-21T16:38:41","modified_gmt":"2021-09-21T15:38:41","slug":"abstimmungsprozesse-und-die-rolle-des-koerpers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=8956","title":{"rendered":"Abstimmungsprozesse und die Rolle des K\u00f6rpers"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"lazyload alignleft\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27184%27%20height%3D%27279%27%20viewBox%3D%270%200%20184%20279%27%3E%3Crect%20width%3D%27184%27%20height%3D%27279%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-orig-src=\"\/wp-content\/uploads\/archive\/k%C3%B6rper.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"279\" align=\"left\" hspace=\"5\" \/>F\u00fcr einen Sportwissenschaftler ist die Besch\u00e4ftigung mit dem K\u00f6rper etwas v\u00f6llig normales, klar, man kann keinen Doppelpass ohne ihn ausf\u00fchren, er ist grundlegend f\u00fcr medizinische Untersuchungen und f\u00fcr Sport-p\u00e4dagogen ist K\u00f6rperbildung ein wichtiger Begriff. Warum besch\u00e4ftigen sich aber Soziologen mit dem K\u00f6rper?<\/p>\n<p>Im neuen Buch von <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts1309\/ts1309.php\">Fritz B\u00f6hle und Margit Weihrich<\/a> geht es darum, welche Rolle die \u201eK\u00f6rperlichkeit und Leiblichkeit in sozialen Abstimmungsprozessen spielen&#8220; und wie man die k\u00f6rperlich-leibliche Dimensionen f\u00fcr eine Theorie <em>sozialen<\/em> Handelns nutzen kann. (vgl. S. 7.) Ich habe das Buch nun zur H\u00e4lfte gelesen, wie gewohnt ausgehend vom Literaturverzeichnis, von der Einleitung zum Abschlusskapitel und noch ein paar Beitr\u00e4ge mittendrin. Ich kann nur sagen: sehr interessant was da steht und f\u00fcr jeden zu empfehlen, der Interesse an Themen hat wie: \u201ekollektive Intentionalit\u00e4t&#8220;, \u201esoziale Praxen&#8220;, \u201eSituierung&#8220; oder \u201eempraktische Kommunikation&#8220;.<\/p>\n<p>Besonders Interessant fand ich den Beitrag von Frau Figueroa-Dreher zu Abstimmungsprozessen im Free-Jazz! Man fragt sich: Wer stimmt hier was und wie ab? Es gibt ja per Definition im Free Jazz keinen Plan, kein vorab definiertes Thema! Free steht irgendwie im Widerspruch zu Plan, oder? Die Autorin sagt hierzu: \u201eF\u00fcr Free-Jazz Musiker bedeutet es zun\u00e4chst einmal, sich mit den eigenen Kl\u00e4ngen auf die Kl\u00e4nge der anderen zu beziehen&#8220; (S. 202) &#8230; dabei spielen Wiederholung (Repitition) und Nachahmung (Imitation) eine wesentliche Rolle in der gegenseitigen \u201eBezugnahme&#8220; und <em>Musterbildung<\/em>. Die Spieler stimmen sich also nicht ab zu einem vorab definierten Masterplan, einem Orchesterleiter, der den Takt bzw. eine Ordnung vorgibt, sondern die Abstimmung ist <em>relativ zu jedem Einzelspieler<\/em>, es geht um den <em>Prozess des Ordnens<\/em>, wobei das fl\u00fcchtige Produkt (Musik) \u00e4sthetischen Anspr\u00fcchen der Spieler selber gen\u00fcgen muss. Fehler oder Mi\u00dfvest\u00e4ndnisse im Abstimmungsprozess m\u00fcssen dabei keineswegs \u201e\u00e4sthetisch wertlos&#8220; sein, &#8230; auch ein interessanter Aspekt.<\/p>\n<p>Recht nah an unseren Arbeiten sind die Artikel von der Sozialwissenschaftlerin Stefanie Porschen sowie den Sportp\u00e4dagogen Alkemeyer\/Br\u00fcmmer\/Pille (Pille, cooler Name). Beide Artikel besch\u00e4ftigen sich mit k\u00f6rperlichen Abstimmungs-prozessen im Bereich der Industrie (Fahrzeugbau, Indistrievorarbeiter etc.), beziehen theoretische Perspektiven z.B. von Bourdieu ein und arbeiten beide mit Videoanalysen, in denen Abstimmung bzw. Koordination durch empraktische Kommunikation und\/oder K\u00f6rpersprache analysiert wird. Praktisch sieht dies z.B. so aus, dass der Vorarbeiter kompliment\u00e4r zu seinen (unvollst\u00e4ndig) verbalen \u00c4u\u00dferungen, auf die relevanten Dinge\/Objekte <em>zeigt<\/em>, seinen K\u00f6rper zur Anschaung des Gemeinten \u201eins Spiel bringt&#8220; und auch Sprachbilder verwendet. Mit unvollst\u00e4ndigen S\u00e4tzen ist gemeint: <em>\u201eWenn hier zum Beispiel kommt diese Federbandschelle hier &#8230; kannst du so auch arbeiten oder nicht?&#8230; weil du Winkel hast und das ist ja auch.&#8220;<\/em> (S. 244). Das Gemeinte versteht man wohl erst, wenn man diese Halbs\u00e4tze in Kombination mit dem K\u00f6rpereinsatz wahrnimmt. \u201eWahrnehmung&#8220;, \u00fcberhaupt ein leitender Begriff im Buch, denn den Autoren geht es dabei nicht nur um \u201eRezeption&#8220;, sondern darum, k\u00f6rperliche Wahrnehmung als erkenntnisleitendes Verfahren oder gar als Forschungsmethode (Pieper\/ Clenin) zu begreifen.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong> Wer sich neben der diskursiven Koordinierung auch f\u00fcr empraktische Kommunikation interessiert, bei der der K\u00f6rper eine zentrale Rolle spielt, f\u00fcr den ist das Buch was! F\u00fcr Medienp\u00e4dagogen und -Didakiker ist sicherlich herausfordernd, wie ein solcher K\u00f6rperbezug und die damit verbundenen Koordinationspotenziale mit den digitalen Medien verbunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr einen Sportwissenschaftler ist die Besch\u00e4ftigung mit dem K\u00f6rper etwas v\u00f6llig normales, klar, man kann keinen Doppelpass ohne ihn ausf\u00fchren, er ist grundlegend f\u00fcr medizinische Untersuchungen und f\u00fcr Sport-p\u00e4dagogen ist K\u00f6rperbildung ein wichtiger Begriff. Warum besch\u00e4ftigen sich aber Soziologen mit dem K\u00f6rper? 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