{"id":9031,"date":"2014-07-15T00:00:00","date_gmt":"2014-07-14T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=9031"},"modified":"2018-08-31T20:05:08","modified_gmt":"2018-08-31T19:05:08","slug":"wir-werden-weltmeister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=9031","title":{"rendered":"&#8222;Wir werden Weltmeister&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-bottom: 0.0001pt; line-height: 15.85pt;\"><em><img class=\"lazyload\" decoding=\"async\" style=\"float: left; margin-left: 8px; margin-right: 8px;\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27151%27%20height%3D%27200%27%20viewBox%3D%270%200%20151%20200%27%3E%3Crect%20width%3D%27151%27%20height%3D%27200%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-orig-src=\"\/wp-content\/uploads\/archive\/GF_0.png\" alt=\"\" width=\"151\" height=\"200\" \/>Nur ganz kurz vorab: Ich kenne Sven G\u00fcldenpfennig aus meinem&nbsp;<\/em><a href=\"http:\/\/frank-vohle.de\/node\/254\"><em>Sportstudium<\/em><\/a><em>, als Autor zahlreicher B\u00fccher, von denen ich einige mit gro\u00dfem Gewinn gelesen habe. Noch heute stehen die &#8222;G\u00fcldenpfennige&#8220; griffbereit. Bis auf weiteres kann man ihn als Sport- und Kulturwissenschaftler bezeichnen, mit Hang zur undisziplinierten Genauigkeit. In den letzten 20 Jahren hat er sich mit dem \u201eSinn des Sports\u201c besch\u00e4ftigt: Haben wir eine Idee vom Sport, wenn wir \u00fcber Sport reden? Die Antwort ist komplex, nachlesen kann man das in seinen&nbsp;<\/em><a href=\"http:\/\/www.academia-verlag.de\/titel\/serie\/serie_Sport_als_Kultur_Studien_zum_Sinn_des_Sports.htm\"><em>Studien<\/em><\/a><em>.&nbsp;Hier und heute soll es handfester zugehen. Ich habe Sven G\u00fcldenpfennig f\u00fcr einen Gastbeitrag gewinnen k\u00f6nnen. Es geht um die Fu\u00dfball-WM in Brasilien, um eine Deutung dessen, was da los ist, was da los war, auf\u2019n Platz. Was sieht man also, wenn man genau(er) beobachtet?&nbsp;<\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-bottom: 0.0001pt; line-height: 15.85pt;\">&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"MsoNormal\" style=\"margin-bottom: 0.0001pt; line-height: 15.85pt; text-align: center;\">Wir werden Weltmeister:&nbsp;Wiedergeburt des Kampfsports Fu\u00dfball.&nbsp;Beobachtungen bei der Fu\u00dfball-WM in Brasilien 2014<\/h2>\n<p class=\"MsoNormal\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-bottom: 0.0001pt; text-align: center; line-height: normal;\" align=\"center\">(Gastbeitrag von Sven G\u00fcldenpfennig \/ <a href=\"\/wp-content\/uploads\/archive\/Gueldenpfennig_WM-Brasilien-2014.pdf\">PDF<\/a>)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-bottom: 0.0001pt; line-height: normal; text-align: right;\" align=\"center\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Weltspitze ist sehr eng zusammenger\u00fcckt \u2013 allerdings auf sportlich niedrigerem Niveau, als es die seinerzeit dominanten Spanier bei den Europa- und Weltmeisterschaften seit 2008 verk\u00f6rpert hatten. Die Spanier selbst beherrschten bei diesem Weltmeisterschafts-Endturnier das von ihnen kreierte Tiki Taka nicht mehr in jener Perfektion, die in diesem Sport allein erfolgversprechend sein kann. Und die anderen haben den Versuch, sich in diese H\u00f6hen der Spielkunst hinaufzuschwingen, offenbar resigniert abgebrochen. Das hat bei dieser WM zu einem Einheitsbild von mehr oder weniger (oft weniger) gelingenden Kombinationen zwischen Spielkunst und letztem k\u00e4mpferischem Einsatz gef\u00fchrt. Wie ein ansonsten feinsinnig beobachtender Sportkommentator wie der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht [1] zu der Zwischenbilanz kommen konnte, die laufende WM werde \u201ef\u00fcr ihre sch\u00f6nen Spiele gefeiert\u201c und es handele sich sportlich um \u201eein au\u00dfergew\u00f6hnlich gutes Turnier&#8220; [2], wird sein Geheimnis bleiben.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Diese \u2013 zumindest vordergr\u00fcndig \u2013 sportlich eher entt\u00e4uschende Zwischenbilanz hat eine erfreuliche Kehrseite: Schon in der Vorrunde, bislang stets eher als z\u00e4her Aufgalopp f\u00fcr die kommende Gala der Favoriten wahrgenommen, erst recht aber in den folgenden K.o.-Runden sind dramatische und hart umk\u00e4mpfte Begegnungen auf des Messers Schneide zustandegekommen, in denen die jeweils vorab ausersehenen Favoriten ebensogut h\u00e4tten ausscheiden k\u00f6nnen \u2013 und mehrfach auch tats\u00e4chlich vorzeitig ausgeschieden sind, darunter schon fr\u00fchzeitig Titelverteidiger Spanien, Italien, England, Portugal, Uruguay. Auch \u00fcber den weiteren Turnierverlauf hin hat sich aufgrund der gezeigten Leistungen kein klarer Favorit herausgesch\u00e4lt, im Gegenteil: Auch die nach den Spielen der ersten K.o.-Runde im Turnier verbliebenen acht Mannschaften konnten durchweg von Gl\u00fcck sagen, dass sie sich trotz wenig \u00fcberzeugender Leistungen gegen ebenb\u00fcrtige Gegner durchsetzen konnten. Stets erschien es sogar so, als w\u00fcrde man sogar bis zur Vergabe des Titels nach einem w\u00fcrdigen Favoriten suchen m\u00fcssen. Bis dann der Knalleffekt vom 8. Juli \u2013 der Kantersieg der deutschen Mannschaft gegen einen kurzzeitig desorientierten brasilianischen Gegner \u2013 alles auf den Kopf zu stellen schien.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ungeachtet dieser un\u00fcbersichtlichen \u2013 man k\u00f6nnte \u00fcberspitzt sagen: fu\u00dfballtypisch unberechenbar chaotischen \u2013 Lage w\u00e4hnen Fans, Medien\u00f6ffentlichkeit und die Mannschaften der jeweils noch verbliebenen L\u00e4nderauswahlen durchweg das eigene Team als pr\u00e4destiniert f\u00fcr den WM-Titel. Warum? Kaum einmal aufgrund sachverst\u00e4ndiger Analyse der sportlichen Gegebenheiten. Fast immer hingegen aus dem Aberglauben an magische Kr\u00e4fte, die aufgrund h\u00f6herer F\u00fcgung allein \u201eihrem\u201c Team die Gunst erweisen werden. Zu dieser befremdlichen Erscheinung geh\u00f6rt auch hier wieder die bekannte \u2013 und in den Gesichtern fast aller \u00fcberdeutlich ablesbare \u2013 Pr\u00e4dominanz eines fast vollst\u00e4ndigen Desinteresses des Publikums gegen\u00fcber den sportlichen Seiten des Spielverlaufs und eines alleinigen, gnadenlos selektiven Interesses f\u00fcr den Erfolg der \u201eeigenen\u201c Mannschaft. Und immer wieder einmal wird diese einseitige Parteinahme auch akustisch untermalt durch ein Dauerpfeifkonzert gegen die ballf\u00fchrende gegnerische Mannschaft. Sie wird \u2013 v\u00f6llig sportsinnwidrig \u2013 offenbar nicht als unverzichtbarer Teil des Spiels, sondern als der Feind wahrgenommen, welcher der eigenen Mannschaft den allein ihr zustehenden Erfolg zu stehlen droht. So als k\u00f6nnte diese das Kunstst\u00fcck fertigbringen, allein auf dem Platz ein Wettbewerbs-Spiel aufzuf\u00fchren. Die TV-Kommentatoren spielen dieses spielwidrige Theater mit, indem sie st\u00e4ndig die Bedeutung der Fans als des \u201ezw\u00f6lften Mannes\u201c betonen f\u00fcr \u2013 ja wof\u00fcr? \u2013 nein, nicht f\u00fcr ein gelingendes Spiel, sondern f\u00fcr je eine Partei in dem Spiel. In allen Sportarten zwar sind die professionellen Ereignisse begleitet von engagiert parteinehmenden Beobachtern. In keiner Sportart jedoch nehmen sich die Fans in ihren Spielen am Rande derartig aufdringlich wichtiger als das Spiel auf dem Platz \u2013 und verweigern damit diesem Spiel selbst den ihm geb\u00fchrenden Respekt. Pete Sampras hat einst auf dem heiligen Rasen von Wimbledon seine Begeisterung \u00fcber den Sportsgeist des dortigen Publikums ger\u00fchmt mit den Worten: \u201eSie respektieren das Spiel.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Diese gedankenlose Parteinahme ist unverkennbar in keinem Fall begr\u00fcndet mit einem sport-spezifischen Argument: weil n\u00e4mlich das Team des eigenen Landes eine besonders innovative und zugleich erfolgversprechende Idee des Fu\u00dfballs kreiert hat und praktisch umsetzt. Das war einst der Fall etwa mit dem jogo bonito der Brasilianer, dem wenn auch h\u00e4sslichen catenaggio der Italiener, dem Wiener Donaufu\u00dfball der 1930er Jahre oder dem totaal voetbal der Niederl\u00e4nder und dem daraus hervorgegangenen Tiki Taka der Spanier. Mit solchen Konzepten war der Dominanzanspruch sportintern legitimiert. Stattdessen jedoch wird jene Parteinahme gespeist aus weitaus tr\u00fcberen Quellen: n\u00e4mlich aus einer diffusen Hoffnung, sich mit dem Anspruch \u00e0 la \u201eWir sind Papst\u201c kr\u00f6nen und in der Teilhabe an dem damit eingebildeten Prestige sonnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Mit diesem Aspekt des Geschehens h\u00e4ngt eine noch weitergehende, besonders im Fu\u00dfball in extreme Dimensionen ausgeweitete befremdliche Erscheinung zusammen: die in geradezu grotesker Weise \u00fcberzogene, weil g\u00e4nzlich sachfremde gesamtgesellschaftliche Bedeutung, die der WM bzw. dem finalen Erfolg bei einer WM \u00fcber ihren unbestreitbaren sportlich-kulturellen Wert hinaus zugeschrieben, man m\u00f6chte sagen: angedichtet wird. Aus dieser Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit resultiert eine unvermeidliche tiefe Depression bei all jenen, die sich diesem Hype hingegeben haben: Zwischendurch oder sp\u00e4testens am Schluss sind sie schutzlos der \u201ev\u00f6llig unerwarteten\u201c (siehe Brasilien 1950 und erneut 2014, oder auch Ungarn 1954 und der 2014 unterlegene Finalgegner Argentinien), unangemessen \u00fcberm\u00e4chtigen Entt\u00e4uschung ausgesetzt, die sich bis in \u00f6ffentliche Proteste steigern und in Ausschreitungen entladen kann. Durch diese Perspektivenverzerrung, welche den Blick auf den kulturellen Kern des Spielgeschehens verstellt, werden k\u00fcnstlich 31 verzweifelte Verlierer produziert, wo in Wahrheit 32 gl\u00fcckliche Gewinner als aktive Teilhaber und Mitgestalter gemeinsam durch harten sportlichen Kampf ein gro\u00dfes Ereignis geschaffen haben. Und der Weltmeister 2014 jedenfalls wurde \u2013 wie stets! \u2013 nicht aus sportfernen Hoffnungen geboren und \u2013 gl\u00fccklicherweise! \u2013 auch nicht durch pures Gl\u00fcck (oder ungl\u00fcckliche Schiedsrichterentscheidungen) auf den Thron gehoben, sondern allein durch jene geringf\u00fcgig \u00fcberlegene sportliche Leistung, welche den kleinen Unterschied ausmachte.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Das deutsche Team hatte auch noch nach dem Viertelfinal-Match gegen die Franzosen ihre lauthals verk\u00fcndete Anwartschaft auf den Titel aufrechterhalten k\u00f6nnen. Mit H\u00e4ngen und W\u00fcrgen. Im Halbfinale traf es auf eine brasilianische Sele\u00e7\u00e3o, die ebenfalls am Mikrofon mit den h\u00f6chsten Anspr\u00fcchen angetreten, auf dem Platz jedoch bis dahin im Turnier nur mit mittelm\u00e4\u00dfigen Leistungen aufgetreten war. \u00c4hnlich schlie\u00dflich auch das Bild, welches die beiden weiteren Viertelfinal-Sieger Argentinien und Niederlande abgegeben haben. Weltmeisterlich ist anders. Ganz anders. Die Viertelfinals haben somit die eingangs skizzierten Tendenzen dieses WM-Turniers best\u00e4tigt. ARD-Reporter Tom Bartels jedoch jubelte unbeirrt vorsorglich schon einmal \u00fcber ein \u201eTraum-Halbfinale Brasilien \u2013 Deutschland\u201c. Nun denn, dachte man: Tr\u00e4umen wir also weiter vom gro\u00dfen Fu\u00dfball, wie ihn uns in der j\u00fcngeren Vergangenheit die Weltmeister Frankreich 1998 und Spanien 2010 vorgef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Immerhin aber fiel trotz aller Abstriche doch eines auf: Ins Halbfinale haben es trotz allem schlie\u00dflich doch genau diejenigen vier Mannschaften geschafft, welche schon vorab als die gr\u00f6\u00dften Favoriten gehandelt worden waren: Argentinien, Brasilien, Deutschland, Niederlande. Das mutet an wie die empirische Best\u00e4tigung einer sportlichen Normalit\u00e4t. Dass sich also diese scheinbare Normalit\u00e4t \u2013 wie von Zauberhand \u2013 schlie\u00dflich durchgesetzt habe. Tats\u00e4chlich aber war es eher im Gegenteil das Ergebnis eines statistisch nicht wahrscheinlichen Zufalls. Denn auch in diesen Spielverl\u00e4ufen der Viertelfinals steckte gen\u00fcgend Potential f\u00fcr gegenteilige Ausg\u00e4nge. Oder ist es am Ende des Tages dann doch die Best\u00e4tigung f\u00fcr die z.B. aus dem Tennis bekannte \u201eRegel\u201c, dass ebendies den Unterschied ausmache: dass der Champion in engen, hart umk\u00e4mpften Situationen eben genau die wenigen entscheidenden Punkte, die Big Points mache?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Um das sportliche Markenzeichen, gleichsam den Grundtenor, den Cantus firmus dieser WM zu umschreiben, m\u00fcsste man feststellen: Das Spiel erstaunlicherweise aller Mannschaften mutete an wie eine Palastrevolte: Man sah die schwindende Macht der scheinbar unersch\u00fctterlichen \u2013 zwar nur \u00e4sthetisch-sch\u00f6nen und folglich milden, aber sportlich umso unerbittlicheren \u2013 Diktatur, welche die katalanisch-spanische, die gleichsam \u201ekataspanische\u201c (wie einst die \u201ekakanische\u201c, kaiserlich-k\u00f6niglich \u00f6sterreichisch-ungarische) Doppelmonarchie f\u00fcr Jahre \u00fcber den Weltfu\u00dfball errichtet und ausge\u00fcbt hatte. [3] Und man kehrte nach deren j\u00e4hem Sturz geradezu lustvoll zu den geliebten, gewohnten alten und sportlich vermeintlich \u00fcberholten, gestrigen Mustern zur\u00fcck: Dominanz der Defensive, aus dieser heraus lange P\u00e4sse, l\u00e4ngere Kontaktzeiten am Ball, Suche danach, \u201ein die Zweik\u00e4mpfe zu kommen\u201c, Sich-Verlassen auf den Spielmacher im Zentrum des eigenen Spiels \u2013 mit dem Extrembeispiel Neymar, nach dessen Ausfall dem brasilianischen Team jegliches Selbstvertrauen abhandenkam. Durchweg also kehrten jene Muster als Spiel-Tugenden auf den Platz zur\u00fcck, die im Ballbesitz-Fu\u00dfball des Bar\u00e7a-Stils \u00fcberaus verp\u00f6nt und zu Spiel-Untugenden erkl\u00e4rt worden waren. Das Bar\u00e7a-Spanien-System schien den Schl\u00fcssel, das Sesam-\u00f6ffne-Dich hinein in das Heiligtum des perfekten Spiels gefunden, nun aber im Umfeld der WM 2014 diesen Schl\u00fcssel verloren zu haben. Die anderen, welche trotz all ihrer Anstrengungen um die L\u00f6sung des Zugangs-R\u00e4tsels ausgeschlossen geblieben waren, begn\u00fcgen sich offenkundig nun wieder damit, \u2013 lustvoll! \u2013 auf dem Vorplatz vor dem Sesam-Tor ihre Spiele auszutragen, sie wieder mehr auszuk\u00e4mpfen als auszuspielen. Bedeutet das f\u00fcr die Zukunft eine Verhei\u00dfung? Oder eher einen Verlust? Ein Zur\u00fcck aus der oder in die Zukunft eines glorreichen Fu\u00dfballs? Skeptiker und Kritiker hatten schon seit l\u00e4ngerem davor gewarnt, dass das Bar\u00e7a-System an der Grenze zur Perfektion des Fu\u00dfballs eine historische Ausnahme bleiben m\u00fcsse und keine Nachhaltigkeit erreichen k\u00f6nne. Denn es sei zum einen an eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Generation von Ausnahmespielern wie Xavi Hernandez und Andr\u00e9s Iniesta gebunden. Und es erfordere zum anderen einen so \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Spiel- und Kombinationsaufwand, den kein Team auf Dauer ohne Erm\u00fcdungs- und Verschlei\u00df-, ja Langeweile-Erscheinungen durchhalten k\u00f6nne.[4] Bewahrheitet sich vielleicht gerade diese Prophezeiung? Die Krise beim Urheber dieses Stils selbst ist ja bereits seit einiger Zeit un\u00fcbersehbar.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eWir kommen ins Finale\u201c. Beschlossen und verk\u00fcndet am Morgen des 8. Juli vor dem abendlichen Halbfinalspiel der deutschen Mannschaft, und zwar verk\u00fcndet von der letztzust\u00e4ndigen Instanz: der Bild-Zeitung, notariell beglaubigt von \u201e11 Experten\u201c, die uns \u201eerkl\u00e4ren, warum wir heute Brasilien schlagen\u201c. Die sportliche Ernsthaftigkeit dieser Titel-Schlagzeilen wird schon besiegelt mit der Karnevals-Zahl von 11 Jecken, die den \u201eElferrat\u201c bilden (oder war es als Anspielung auf die Fu\u00dfball-Elf gemeint?). Solche Dummheiten des Boulevard-Journalismus wollen zwar nicht mehr als gewinntr\u00e4chtig popul\u00e4re Sehns\u00fcchte bedienen. Aber sie verraten und verst\u00e4rken zugleich auch ein groteskes Fehlverst\u00e4ndnis der Sportidee, um deren Verwirklichung es bei einem z.B. Fu\u00dfball-WM-Turnier doch vor allem gehen sollte. Oder liegt gerade in dieser Erwartung das eigentliche Missverst\u00e4ndnis? In dieser Schlussfrage schlummert der Z\u00fcndstoff f\u00fcr eine hochbrisante Grundsatzdebatte, die bislang noch nicht einmal er\u00f6ffnet worden ist. Jedenfalls konnte man zum Ausgang des spektakul\u00e4ren 8. Juli festhalten: Alle (d.h. alle deutschen Fu\u00dfballfans und Medien) haben es gewusst. Aber keiner hatte es erwartet. Logisch geht das zwar nicht zusammen, empirisch jedoch ohne weiteres. In dieser Paradoxie liegt das ganze Geheimnis des \u00fcblichen Fu\u00dfballdiskurses: Das Hoffen auf das Gew\u00fcnschte tr\u00e4gt einen epischen, einen ewigen Kampf aus mit der Einsicht in das Wahrscheinliche.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Immerhin hat Bild, \u00e4hnlich wie das Orakel Nasinho, mit ihrer trotzig verk\u00fcndeten Prognose (oder war es eher eine Forderung?) f\u00fcr diesen Spieltag recht behalten. Ja, sie hat sich mit dem deutschen Kantersieg von 7:1 sogar in ihrem durchsichtig kalkulierenden Optimismus noch weit \u00fcbertreffen lassen m\u00fcssen. Pl\u00f6tzlich, wie bei einem Entfesselungsk\u00fcnstler, wie aus dem Nichts wurde man Zeuge einer radikalen Sprengung der Ketten von bisherigen 1:0-Siegen, Verl\u00e4ngerungen und Elfmeterschie\u00dfen und hineinversetzt in den Taumel eines veritablen Torrausches. In keinen Sternen stand vor diesem Match geschrieben, dass die bisher in vier Spielen, vom Auftakt gegen Portugal abgesehen, wenig \u00fcberzeugende deutsche Mannschaft ausgerechnet in ihrem vermeintlich schwersten Spiel das beste Match des gesamten Turniers bieten und das Gastgeber-Team innerhalb von nur sechs Minuten zwischen der 23. und 29. Minute in Grund und Boden spielen, f\u00f6rmlich auseinandernehmen und so demontieren w\u00fcrde wie einen g\u00e4nzlich chancenlosen unterklassigen Gegner, obwohl das brasilianische Team bis dahin auf Augenh\u00f6he agiert hatte.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Oben war von gro\u00dfem Fu\u00dfball die Rede. Hier war er unversehens aufgeblitzt. War nun endlich doch der Favorit geboren? So schien es, sicher, aber eben doch nur f\u00fcr den Augenblick und nicht mehr. Denn auch dieses Spiel best\u00e4tigte nur einmal mehr die Grundeinsicht, die der abermalige Torsch\u00fctze Thomas M\u00fcller gleich als erste Interviewstimme treffend und in seiner unnachahmlichen Schnoddrigkeit auf den Punkt brachte: \u201eDa sieht man mal wieder, wie unterschiedlich Spiele laufen k\u00f6nnen.\u201c Die Grundeinsicht, die auch Julio Cesar, der entgeisterte Torwart der unterlegenen Mannschaft, nur in die stammelnden Worte fassen konnte: \u201eWas ist heute passiert? Ich muss sagen: Ich kann es nicht erkl\u00e4ren.\u201c So ist es. Denn so, genau so, ist Fu\u00dfball: aufgrund der gesamten Spielkonstellation offen, ja geradezu pr\u00e4disponiert f\u00fcr das \u00dcberraschende, Unvorhersehbare, sofern denn nur zwei vom sportlichen Potential her gleichrangige Gegner aufeinandertreffen. Das Mitrei\u00dfende an dieser Halbfinal-Begegnung war mithin nicht prim\u00e4r der deutsche Triumph, sondern die Tatsache, dass jene Begegnung dieses in Durchschnittsbegegnungen so oft verborgen bleibende faszinierende \u00dcberraschungspotential endlich auch einmal so spektakul\u00e4r freigesetzt hat. Es war mithin zuallererst ein Triumph des Spiels, dieses Spiels mit all seinen unvergleichlichen Eigent\u00fcmlichkeiten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wer jedoch diese \u2013 bei aller heutigen Spieldisziplin unaufhebbare! \u2013 anarchische Grunddisposition des Fu\u00dfballs zur \u201eGesetzlosigkeit\u201c aufzuheben versucht durch die Verk\u00fcndigung vermeintlicher Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, Vorhersehbarkeiten oder gar vermeintlicher Besitzanspr\u00fcche auf Erfolge und Titel, begeht ein Sakrileg, einen Verrat an dem Kern der leitenden Idee dieses Sports. Und all jene unter den Zuschauern und Medien, welche das Spiel nur mit dem scheelen Blick wohlfeiler au\u00dfersportlicher Begehrlichkeiten beobachten, rauben ebendiesem Spiel seine Seele \u2013 und damit sowohl seine kulturelle Botschaft wie seine allein darauf gest\u00fctzte gesellschaftliche Relevanz. Der gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche mentale Flurschaden, der mit einem solcherart bef\u00f6rderten Denken angerichtet wird, ist gar nicht auf Anhieb erkennbar und wirkt folglich unspektakul\u00e4r, eher subkutan: Als Kotau vor dem fieberhaft herbeigew\u00fcnschten Ergebnis zerst\u00f6rt diese Sichtweise den eigentlichen Reiz des Spiels: dass sein Ausgang bis zur letzten Sekunde weniger vorhersehbar ist als bei fast jedem anderen Sport. Nicht ein bestimmtes Ergebnis also, sondern ein sportlich gehaltvoller Verlauf hin zu diesem Ergebnis (das dadurch nat\u00fcrlich ebenfalls nicht unwichtig wird) rechtfertigt die herausgehobene Sonderstellung eines Ereignisses wie der Fu\u00dfball-WM in der globalen Sport- und Kulturlandschaft einschlie\u00dflich seiner politisch-\u00f6konomischen Begleiterscheinungen. Ist diese Bedingung nicht gegeben, schrumpft das Ereignis zu einem blo\u00dfen Spektakel, welches keinen h\u00f6heren gesellschaftlichen Respekt verdient. Der Scheck des \u00f6ffentlichen Hypes um das Ereignis ist somit notorisch der Frage ausgesetzt, ob und inwieweit er tats\u00e4chlich durch diese Bedingung gedeckt ist.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Das deutsch-brasilianische Halbfinale bot sogar noch nach dem Abpfiff ein Lehrst\u00fcck dar\u00fcber, wo der wahre Sportsgeist weht und wo nicht. W\u00e4hrend das brasilianische Team gnadenlos ausgepfiffen wurde \u2013 von seinen eigenen Fans aufgrund seines \u201eVersagens\u201c und der Entt\u00e4uschung, die es ihnen zugemutet hatte \u2013, erwies es der gegnerischen Mannschaft ohne Wenn und Aber seinen Respekt f\u00fcr die \u00fcberlegene Leistung. Diese wiederum erwiderte diese Anerkennung in einem langanhaltenden \u201eNachspiel\u201c nicht etwa mit Gesten des \u00fcbersch\u00e4umenden Triumphs, sondern mit sichtlich ber\u00fchrten und ber\u00fchrenden Gesten des Mitgef\u00fchls f\u00fcr ihre abgrundtief \u00fcber ihr sportliches Debakel entt\u00e4uschten Gegner. Die Botschaft dieser Szenen war eindeutig: \u201eWir haben euch zwar besiegt und das Scheitern eurer Tr\u00e4ume besiegelt, und wir werden daf\u00fcr statt eurer mit dem Einzug ins Finale belohnt. Aber wir beide waren trotz alledem gemeinsam Teil eines gro\u00dfen sportlichen Kampfes, ja, der Sch\u00f6pfung eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Werkes. Und wir bedauern nachtr\u00e4glich beinahe, dass das Gl\u00fcck diesmal so einseitig verteilt gewesen ist. Wir wissen n\u00e4mlich aus bitteren Erfahrungen, dass es leicht auch umgekehrt ausgehen kann. Es gibt eben, insbesondere im Fu\u00dfball, solche Tage, an denen der einen Seite alles gelingt und der anderen nichts. Das l\u00e4sst sich dann meist ebensowenig erkl\u00e4ren wie \u00e4ndern. Das Pech eures nur wenige Minuten andauernden totalen Blackouts war unser Gl\u00fcck, das wir allerdings auch gekonnt beim Schopf ergriffen haben. Genau das ist die Abenteuerreise, auf welche wir alle Beteiligten uns mit jedem Anpfiff aufs Neue begeben: zwar nur ein Spiel, aber h\u00f6chst riskant und mit h\u00f6chstem Einsatz. Ohne Netz und doppelten Boden. Zusammen aber haben wir diesmal den H\u00f6hepunkt dieses Turniers geschaffen, der nur noch durch ein grandioses Finale \u00fcberboten werden k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Auch im zweiten Halbfinale begegneten sich mit Argentinien und den Niederlanden zwei gleichrangige Teams, wo das eben Genannte, diese situativ auftretende extreme Ungleichheit, nicht geschah und sich deshalb das f\u00fcr dieses Turnier typische enge Match auf sportlich eher m\u00e4\u00dfigem Niveau entwickelte. Noch einmal: War das deutsche Team damit nun also doch der lange gesuchte Favorit? Wenn man die letzten, also die im Halbfinale gezeigten Leistungen zugrundelegt, h\u00e4tte daran kaum ein Zweifel bestehen k\u00f6nnen. Aber eben: wenn \u2026 Jedenfalls, was bei Fu\u00dfball-Weltmeisterschaften aufgrund der Fokussierung allein auf den Titel weithin geringgesch\u00e4tzt und gern vergessen wird, w\u00fcrde es zun\u00e4chst ein Spiel um den 3. Platz geben. In allen anderen Sportarten ein durchaus begehrter Rang. Warum also nicht auch im Fu\u00dfball? Bei Wettbewerben auch in anderen Kulturbereichen wie Wissenschaft und Kunst begn\u00fcgt man sich ja bei der Vergabe von Titeln und Preisen bisweilen sogar mit der Vergabe nur von 2. oder 3. Pl\u00e4tzen. In diesem Sinne haben sich die beiden in den Halbfinals unterlegenen Mannschaften mit ihren Auftritten nicht f\u00fcr die h\u00f6chsten Ehren empfohlen und sollten entsprechend engagiert wenigstens um den 3. Platz ringen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Szene f\u00fcr das Finale am 13. Juli 2014 schlie\u00dflich erinnerte vorab erstaunlich deutlich an das Jahr 1990: Im Olympiastadion von Rom war der Endspielgegner Argentinien nicht stark genug gewesen, um die favorisierte Truppe von Teamchef Franz Beckenbauer in Verlegenheit zu bringen. Zumal Superstar Maradona von \u201eGuiego\u201c Buchwald entzaubert und derart zur Wirkungslosigkeit verdammt worden war, dass ihm nach 1986 nicht einmal ein zweites Mal eine \u201eHand Gottes\u201c hatte zuwinken m\u00f6gen. War es ein Omen f\u00fcr 2014, dass es damals trotz der deutschen \u00dcberlegenheit erst einer einzigen Szene, des Elfmeters von Andreas Brehme, bedurft hatte, damit der Favorit tats\u00e4chlich Weltmeister werden konnte?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die M\u00fcnchner Abendzeitung (AZ) machte bereits am Vortag des Finales auf mit der Schlagzeile \u201eWir sind schon Weltmeister\u201c. Na, Gl\u00fcckwunsch an das Wir, welches diesen Sieg im Fernsehsessel, an den Redaktions- und Stammtischen erringt! Offensichtlich kann man also doch sportliche Erfolge und Titel herbeiw\u00fcnschen und herbeischreiben. Oder hatten wir uns vertan und eben mit 1990 den falschen Vergleich heraufbeschworen? Das Endspiel Argentinien \u2013 Deutschland hatte ja vier Jahre zuvor schon einmal stattgefunden: 1986 gewann Argentinien, seinerzeit mit 3:2.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Unbeeindruckt von solcher krittelnden M\u00e4kelei artete die Aussicht auf einen vierten deutschen Stern, welcher ja nach 1954, 1974 und 1994 (mit dem tats\u00e4chlichen WM-Jahr 1990 hatte es bekanntlich eine marginale Abweichung gegeben) sogar astrologisch oder gar mathematisch eindeutig vorgezeichnet war, Stunden vor dem Anpfiff aus zu einem regelrechten \u00dcberbietungswettbewerb abw\u00e4rts auf Bild-Niveau: \u201eJetzt sind wir wieder dran\u201c, meinte der Donaukurier. Ja, sogar die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.) mit ihrem sonst peinlich genau beachteten Ehrenkodex des Qualit\u00e4tsjournalismus entbl\u00f6dete sich nicht, \u00fcber eine gesamte Titelseite hin ohne Worte der deutschen Mannschaft schon vor dem Anpfiff diesen vierten Stern aufs Trikot zu heften. Aber nat\u00fcrlich trug dann doch wieder die Bild-Zeitung den Sieg davon: \u201eAm Sonntag geh\u00f6rt der Pokal uns\u201c, titelte sie am Samstag. Widerliches Machget\u00f6se um ein kulturelles Symbol! Denn etwas Anderes ist ein sportlicher Siegerpokal ja nicht. Kannten wir diese T\u00f6ne nicht aus vergangen geglaubten unseligen Zeiten nach dem Motto \u201eHeute geh\u00f6rt uns Deutschland und morgen die ganze Welt\u201c? Hier ging es zwar nicht um die ganze Welt, sondern nur um den Pokal der ganzen Fu\u00dfballwelt. Aber allein schon vor der rhetorischen Assoziation h\u00e4tte man, wenn man nicht g\u00e4nzlich den Verstand verloren hat, zur\u00fcckzucken m\u00fcssen. Die anma\u00dfende Forderung, das deutsche Volk habe aufgrund einer eingebildeten F\u00fcgung irgendwelcher h\u00f6herer M\u00e4chte Sonderrechte innerhalb der Weltgemeinschaft zu beanspruchen, hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts derartige Verheerungen angerichtet, dass sich jegliche Wiederbelebung dieses Musters verbietet. Woher also nimmt \u2013 egal, wer \u2013 das Recht, den Sport daf\u00fcr zu missbrauchen, um auf scheinbar harmlosem Feld en passand dennoch wieder solche T\u00f6ne anschlagen zu d\u00fcrfen? Nein. Was das \u201eGeh\u00f6ren\u201c anbelangt, so geh\u00f6rt der WM-Pokal der FIFA als dem (wie auch immer umstrittenen, aber gleichwohl legitimen) Repr\u00e4sentanten der Fu\u00dfball-Weltgemeinschaft. Was den V\u00f6lkern auf diesem Feld zukommt, ist, Auswahlmannschaften in den Wettbewerb um die auf einen WM-Zyklus befristete \u00dcberlassung dieses symbolischen Gutes zu schicken und auf deren erfolgreiches Abschneiden zu hoffen. Diese Konstellation \u00e4ndert sich auch nicht dadurch, dass der Weltverband den Pokal dem Sieger ihres WM-Turniers vor\u00fcbergehend treuh\u00e4nderisch \u00fcberl\u00e4sst. Und \u201egeholt\u201c oder gar durch Hand- (bzw. Fu\u00df-)Streich erobert wie die politische oder milit\u00e4rische Macht wird ein solches Anerkennungssymbol f\u00fcr herausragende sportliche Leistung schon gar nicht.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Diese gesamte rhetorische Aufr\u00fcstung bedeutete nicht zuletzt eine besinnungslose Respektlosigkeit gegen\u00fcber den Hauptakteuren, den Spielern beider jeweils beteiligter Teams (dabei nat\u00fcrlich insbesondere des gegnerischen Teams!), die ja das Spiel erst spielen wollen und m\u00fcssen, um auf dem Platz herauszufinden, wem nun tats\u00e4chlich \u201eder Pokal geh\u00f6rt\u201c. All diese Vorhersager und Vorherw\u00fcnscher wollen mit ihren Beschw\u00f6rungsritualen, welche an archaische Zauberrituale erinnern, genau das aufheben und au\u00dferkraftsetzen, was den wahren, den eigentlichen Zauber des Fu\u00dfballs ausmacht, und es opfern auf dem Altar ihres au\u00dfersportlichen Begehrens: der Selbsterm\u00e4chtigung in der Feier des siegreichen \u201eWir\u201c. Beleg erw\u00fcnscht? Bitte: Das erste Halbfinale, in dem \u201ewir\u201c die Brasilianer so unerwartet deutlich geschlagen haben, sahen 34 Millionen Deutsche am Bildschirm. Das zweite Halbfinale, das sportlich genauso bedeutsam und vorab offen war, in dem \u201ewir\u201c aber nichts zu gewinnen hatten, taten sich nur noch 400 000 unentwegte Zuschauer an \u2013 wahrscheinlich gerade sie der wirklich sportlich interessierte harte Kern, die wahren Fu\u00dfball-Fans.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Jener Zauber des Fu\u00dfballs aber \u2013 und selbst eine halbe Million Menschen auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen Berlins, die am 15. Juli die R\u00fcckkehr \u201eihrer\u201c Weltmeister stundenlang ausgelassen feierten, k\u00f6nnen diesen kulturellen Kern des Geschehens nicht aus der Welt schaffen, sie k\u00f6nnen ihn nur \u00fcberdecken, d\u00fcrfen ihn aber nicht g\u00e4nzlich unsichtbar machen \u2013 liegt unaufgebbar gerade in seiner Unberechenbarkeit. Ein kluger Beobachter im Feuilleton der S\u00fcddeutschen Zeitung hat aus Anlass eines abf\u00e4lligen amerikanischen Kommentars zur WM an genau diese Sonderstellung des Fu\u00dfballs und seinen Gegensatz zu den amerikanischen Nationalsportarten erinnert: \u201eDas Fu\u00dfball-Regelwerk ist eindeutig nicht darauf ausgelegt, beste Bedingungen f\u00fcr die Besten zu schaffen, sondern darauf, den vermeintlich Unterlegenen m\u00f6glichst gro\u00dfe Chancen einzur\u00e4umen, um das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen. Der Zufall wird also ganz absichtlich beg\u00fcnstigt. (\u2026) Es kann einfach zu viel Unvorhergesehenes passieren. Manchmal sogar erst ganz am Schluss. Und das wiederum ist etwas vollkommen anderes als die Erm\u00f6glichung des Rechts auf Happiness der amerikanischen Verfassung. Die Niederlage ist im Fu\u00dfball eher eine Ermutigung, es wieder zu probieren. Der Sieg hinterl\u00e4sst das Gef\u00fchl, trotz aller Unw\u00e4gbarkeiten noch mal davongekommen zu sein. Der zivilisatorische Fortschritt, den das bedeutet, ist kaum zu untersch\u00e4tzen.\u201c[5] Nach all dem Ballyhoo um die vorzeitige Titelvergabe musste man schon sehr resistent gegen Aberglauben sein, um in diesen leichtfertigen, ja sportlich gesehen dummdreist verteilten Vorschusslorbeeren kein b\u00f6ses Omen f\u00fcr den tats\u00e4chlichen Spielausgang des Finales zwischen Argentinien und Deutschland zu sehen. Und genau so geschah es dann auch wirklich. Bereits nach der ersten Halbzeit war f\u00fcr jedermann offensichtlich: Alle vermeintlichen Eindeutigkeiten zugunsten \u2013 \u201enat\u00fcrlich nur\u201c \u2013 der Deutschen war leeres Geschw\u00e4tz gewesen. Man war zur\u00fcckversetzt in den \u201eNormalmodus\u201c dieses WM-Turniers und traf auf einen ebenb\u00fcrtigen Gegner in einem Duell auf Biegen und Brechen. Die Chancen waren gleichverteilt, und gewinnen w\u00fcrde schlie\u00dflich die Seite, welche den Willen, den Druck und die Risikobereitschaft im richtigen Augenblick am l\u00e4ngsten w\u00fcrde aufrechterhalten k\u00f6nnen, nachdem von spielerischer \u00dcberlegenheit keine Rede mehr sein konnte. Bis weit in die Verl\u00e4ngerung hinein war nicht absehbar, wer von beiden das sein w\u00fcrde. Insofern war es ein w\u00fcrdiges Finale. Echter Fu\u00dfball statt hirnlosem Gew\u00e4sch. Nach welcher Fu\u00dfballregel auch h\u00e4tte nicht auch eine andere Favoritenmannschaft als die deutsche zum Ende des Turniers hin ihr bestes Spiel machen sollen, wie dies den Argentiniern tats\u00e4chlich gelang?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Dass sich dann am Ende doch die deutsche Mannschaft als die im buchst\u00e4blichen Sinne gl\u00fccklichere erwies, war das Ergebnis genau der gerade genannten Voraussetzungen: Die Entscheidung fiel durch ebendiesen einen kurz aufblitzenden Moment ganz gro\u00dfen Fu\u00dfballs, der den kleinen Unterschied ausmachte. Dieser kleine Unterschied bestand aus zwei Teilen: einem Traumtor, welches durch die Koproduktion zwischen Andr\u00e9 Sch\u00fcrrles mit letzter Kraft durchgezogenem Flankenlauf auf dem linken Fl\u00fcgel und Mario \u201eLionel\u201c G\u00f6tzes technisch perfektem Abschluss erm\u00f6glicht wurde; und einem schwach geschossenen letzten Freisto\u00df von Lionel Messi, den er an besseren Tagen ebensogut h\u00e4tte verwandeln und damit das Match in die Unw\u00e4gbarkeiten des Elfmeterschie\u00dfens h\u00e4tte schicken k\u00f6nnen. Eine Entscheidung auf dem Platz also, nicht jedoch in den sportfernen Hohlk\u00f6pfen von Dummschw\u00e4tzern und auf den Schreibtischen von redaktionellen Amokl\u00e4ufern. Die Auguren und Sterndeuter allerdings hatten dann also doch noch rechtbehalten. Aber es waren die Spieler und eine geh\u00f6rige Portion Fu\u00dfballgl\u00fcck gewesen, welche den vierten Stern f\u00fcr Deutschland vom Himmel geholt hatten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Neben dem Sch\u00fctzen des Siegtores und dem Sch\u00fctzen des finalen Nichtausgleichstores boten noch zwei weitere Spieler die komplement\u00e4ren Schlussbilder des Tages: Als die Symbolfigur des Triumphs des neu-alten Fu\u00dfballstils, der R\u00fcckkehr zur ersten Silbe des Worts Kampf-Spiel, konnte sich der Schmerzensmann Bastian Schweinsteiger, gezeichnet von den Spuren eines Kampfes bis zum Letzten, nach dem Abpfiff kaum mehr vom Platz schleppen. Und die schier endlos traurigen Augen eines Lionel Messi besiegelten nicht nur die Niederlage in diesem einen Finalspiel, sondern zugleich den Abgesang auf eine Epoche, f\u00fcr deren strahlenden Stil kein anderer Spieler so symbolhaft steht wie dieser Weltfu\u00dfballer im Trikot des FC Barcelona, der auch in diesem Finale wieder als einmal kaum mehr als ein Schatten seiner selbst aufgetreten war.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wer aber vor lauter besinnungslosem Mitfiebern und anschlie\u00dfendem Begeisterungstaumel nicht richtig hingeschaut (oder sich nicht daf\u00fcr interessiert) hatte w\u00e4hrend der Spiele, konnte sp\u00e4testens am finalen Lob f\u00fcr den neuen Champion ablesen, was in den Arenen Brasiliens geschehen war: Die \u201egoldene Generation\u201c deutscher Fu\u00dfballspieler, die vor zehn Jahren angetreten war unter der Devise eines runderneuerten modernen Offensivfu\u00dfballspiels, auf diesem ehrgeizigen Weg dann jedoch vom Spanien der Bar\u00e7a-Schule \u00fcberholt, wurde nun vor allem anderen ger\u00fchmt f\u00fcr ihre gleichsam altdeutschen Tugenden, mit denen sie sich schlie\u00dflich doch durchgesetzt hatte: Kampfgeist und Durchhaltewillen. Sie gewann mithin nach dem \u201eGesetz dieses WM-Turniers\u201c, dessen k\u00e4mpferischer Dichte in fast jedem Spiel sie damit buchst\u00e4blich die Krone aufsetzte. Aber wies sie damit auch den Weg in eine vielversprechende Zukunft des Fu\u00dfballs? War also die hohe Schule des Bar\u00e7a-Stils schlie\u00dflich doch nur ein Intermezzo gewesen? Oder bleibt sie eine Verhei\u00dfung, an deren Weiterentwicklung auch in Zukunft weiter gearbeitet werden wird? Ja, haben wir vielleicht sogar nicht genau genug hingeschaut und haben diese Weiterentwicklung schon in Brasilien sehen k\u00f6nnen, weil dort keine einfache R\u00fcckkehr zum Kampsport Fu\u00dfball stattgefunden hat, sondern \u2013 eben \u2013 eine Wiedergeburt als die n\u00e4chste Stufe dieses Sports? Denn nat\u00fcrlich bedeutete gerade auch das Spiel des neuen Weltmeisters keine einfache R\u00fcckkehr zum deutschen Rumpelfu\u00dfball der guten alten Zeit. Im Gegenteil: Es ist Fu\u00dfball als intensiver Kampf auf zugleich hohem technischem und taktischem Niveau. Nur eben hat der Kampf wieder die Vorherrschaft \u00fcber das Geschehen auf dem Platz zur\u00fcckgewonnen, die er unter der kataspanischen Hegemonie an die Kunst des sch\u00f6nen Spiels hatte abtreten m\u00fcssen.<\/p>\n<div>\n<div id=\"ftn1\">\n<p class=\"MsoFootnoteText\">[1] Vgl. Gumbrecht, Hans Ulrich (2005): Lob des Sports. Frankfurt am Main<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"ftn2\">\n<p class=\"MsoFootnoteText\" style=\"text-align: justify;\"><a title=\"\" name=\"_ftn2\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/User\/Downloads\/WM-Brasilien-2014-2.doc#_ftnref2\"><!--[if !supportFootnotes]--><\/a>[2] Gumbrecht, Hans Ulrich (2014): Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 2014. Wann ist Fu\u00dfball sch\u00f6n? Und kann er h\u00e4sslich sein? In: FAZ-Blog \u201eDigital\/Pausen\u201c, www.zu.de\/daily\/zuruf\/2014\/07-02<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"ftn3\">\n<p class=\"MsoFootnoteText\" style=\"text-align: justify;\"><a title=\"\" name=\"_ftn3\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/User\/Downloads\/WM-Brasilien-2014-2.doc#_ftnref3\"><!--[if !supportFootnotes]--><\/a>[3] Vgl. Schulze-Marmeling, Dietrich (2010): Bar\u00e7a oder: Die Kunst des sch\u00f6nen Spiels. G\u00f6ttingen; G\u00fcldenpfennig, Sven (2011): Auf\u2019m Platz \u2013 und daneben. Das sportliche Kunstwerk im Ringen mit seinen Umwelten. Sankt Augustin. Kap. 1 (\u201eBar\u00e7a. Die Kunst des sch\u00f6nen und erfolgreichen Fu\u00dfballspiels\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoFootnoteText\" style=\"text-align: justify;\">[4] Der bereits zitierte Hans Ulrich Gumbrecht geh\u00f6rt zu den sch\u00e4rfsten Kritikern des Bar\u00e7a-Stils. Insofern kann sein oben zitiertes Lob der aktuellen WM als Feier des Abgesangs auf diesen Stil gelesen werden.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"ftn5\">&nbsp;[5]&nbsp;Rabe, Jens-Christian (2014): Zufall statt Happiness. Warum Fu\u00dfball kein Sport f\u00fcr die Ideologen des Siegens ist. In: S\u00fcddeutsche Zeitung (SZ) vom 8.7.2014&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur ganz kurz vorab: Ich kenne Sven G\u00fcldenpfennig aus meinem&nbsp;Sportstudium, als Autor zahlreicher B\u00fccher, von denen ich einige mit gro\u00dfem Gewinn gelesen habe. Noch heute stehen die &#8222;G\u00fcldenpfennige&#8220; griffbereit. Bis auf weiteres kann man ihn als Sport- und Kulturwissenschaftler bezeichnen, mit Hang zur undisziplinierten Genauigkeit. 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