{"id":9577,"date":"2020-05-03T16:06:48","date_gmt":"2020-05-03T15:06:48","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=9577"},"modified":"2020-06-18T12:48:30","modified_gmt":"2020-06-18T11:48:30","slug":"die-resiliente-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=9577","title":{"rendered":"Die Resiliente Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Gerhard Polt \u2013 ein bayerischer Kabarettist \u2013 hatte mal in einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=d7VUhZbOVHc\">seiner St\u00fccke<\/a> gesagt: Sein \u201eBangladeschi\u201c (gemeint war ein aus Bangladesch stammender Arbeiter, der in seinem Restaurant als Sp\u00fclhilfe arbeitete) sei in Krisenzeiten finanziell \u201eflexibel\u201c, flexibel wie ein Bambus, <em>der sich bei Sturm biege<\/em>!<\/p>\n<p>Polt sei seine diskriminierende Bemerkung verziehen: In der Kunst fallen Humor und Kritik (hier bei Polt an der Globalisierung) in eins. Biegsam wie ein Bambus: Schaut man in die einschl\u00e4gige Literatur zur Resilienz, dann trifft man immer wieder auf dieses Bild der \u201eBiegsamkeit\u201c, der \u201eWiederr\u00fcckstellung\u201c, so \u00e4hnlich wie bei den Borg von Star Wars, bei denen jeder Schiffstreffer der F\u00f6deration sogleich durch Nanotechnologie repariert wird. Wie praktisch!<\/p>\n<p>Der Bezug zur Gegenwart ist schnell gezogen: Seit Corona ist nichts mehr, wie es war; alle Menschen auf dieser einen Erde stehen vor der Herausforderung, ihr eigenes Leben zu sch\u00fctzen, anderes Leben zu sch\u00fctzen, zwar nicht ganz wie im Krieg, aber doch mit einer keine Widerrede duldenden Entschlossenheit, die uns bisher fremd war. Doch dieses Ziel hat seinen Preis: Zunehmend geraten die <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Coronakrise-Eine-bedrohliche-Entwicklung-fuer-die-Grundrechte-4713370.html\">Freiheitsrechte<\/a>, der soziale Frieden und die wirtschaftliche Kraft eines Landes bzw. ganzer Nationen in Bedr\u00e4ngnis. Auf wissenschaftlich letztlich unsicherer oder zumindest kontrovers diskutierbarer Informationsbasis ist von einem Tsunami die Rede, von dem man nicht wei\u00df, wann er kommt und wie hoch er ist. Wir sind also gespannt und gel\u00e4hmt zugleich, irgendetwas Ungesundes jedenfalls und der nationale Wille w\u00e4chst von Woche zu Woche, etwas Grunds\u00e4tzliches dagegen zu tun.<\/p>\n<p>In den 70er des letzten Jahrhunderts sprach man bereits in der Umweltbewegung von Widerstandskraft, sp\u00e4testens aber mit dem Beitrag von Benedikter &amp; Fadthi (2010) ist der Begriff in der Welt: \u201eResiliente Gesellschaft\u201c. In ihrem Aufsatz skizzieren sie vier Dimensionen einer Zukunftssicherung in Krisenzeiten: Sicherheit durch Schutz, Sicherheit durch Risikomanagement, Sicherheit durch Sozialkapital und Sicherheit durch Technologie, so k\u00f6nnte man das knapp umschreiben. All diesen Ans\u00e4tzen ist gemein, dass sie die Krise immer als <em>etwas von au\u00dfen Kommendes<\/em> begreifen, das \u00fcber den Menschen hereinbricht, was man auf eine bestimmte Art managen kann. Und ohne Zweifel gilt: In der Krise sind all die o.g. Faktoren wichtig.<\/p>\n<p>Was aber mit Corona auch sichtbar wird, ist eine \u201eKrise von Innen\u201c, d.h. eine Krise <em>unseres Denkens selbst<\/em>! Es ist die Art und Weise, wie wir Probleme l\u00f6sen, gemeinhin nach der Maxime der Effizienz. Man sieht das an den Denkfolgen: Just-in-Time-Management ohne Zwischenlager, Projekt- und Personalmanagement ohne Puffer, Ressourcenplanung ohne Redundanz, kurz: alles \u201eauf Kante\u201c.<\/p>\n<p>Dass Systemkatastrophen wie aktuell Corona auf lebenswichtige Strukturen durchschlagen, ist naheliegend: Ein angespanntes Gesundheitssystem, \u00fcberforderte Schulen und Hochschulen, eine ohnm\u00e4chtige (Analog)Wirtschaft. An all diesen Orten ist die Not gro\u00df, weil Alternativen zur bisher fest eingespurten Praxis vor allem aus \u201e\u00f6konomischen Gr\u00fcnden\u201c nicht vorhanden sind.<\/p>\n<p>Nun denken wir gezwungenerma\u00dfen \u00fcber eine \u201eneue, \u00f6konomische Vernunft\u201c nach, alles wird resilient und viele Beraterh\u00e4user fangen an, ihr bisheriges Effizienzmantra gegen das der Resilienz auszutauschen. Geschickt, oder?<\/p>\n<p>Dabei d\u00fcrfte klar sein: Auch die neuen Widerstandsressourcen, Zeitpuffer und Alternativstrukturen werden sich rechnen m\u00fcssen, da es nicht darum gehen kann, die Puffer ins Unendliche auszuweiten. Vielleicht ist ein analoger Blick in die Natur lohnend: dort, wo Verbundenheit und Autonomie keinen Widerspruch erzeugen, dort, wo Sparsamkeit und \u00dcberfluss eine Einheit bilden, dort, wo die Dinge \u201esch\u00f6n\u201c sind.<\/p>\n<p>Vielleicht ist am Ende der Begriff der Resilienz auch nur eine Zwischenstation, ein St\u00fctzrad auf Zeit. Vielleicht sprechen wir in ein paar Jahren oder Jahrzehnten oder Jahrhunderten von einer \u201e\u00c4sthetischen Gesellschaft\u201c, in der sich eine stabile Funktion mit einer humanen Norm \u201espielerisch\u201c verbindet. Das klingt weit weg, aber etwas von dem, was sein wird, legen wir heute gerade fest: Durch jeden <em>neuen<\/em> Gedanken, durch jede <em>offene<\/em> Kritik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Polt \u2013 ein bayerischer Kabarettist \u2013 hatte mal in einem seiner St\u00fccke gesagt: Sein \u201eBangladeschi\u201c (gemeint war ein aus Bangladesch stammender Arbeiter, der in seinem Restaurant als Sp\u00fclhilfe arbeitete) sei in Krisenzeiten finanziell \u201eflexibel\u201c, flexibel wie ein Bambus, der sich bei Sturm biege! 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