{"id":9689,"date":"2020-12-06T18:00:18","date_gmt":"2020-12-06T17:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=9689"},"modified":"2020-12-06T18:00:18","modified_gmt":"2020-12-06T17:00:18","slug":"talententwicklung-oder-zu-sich-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=9689","title":{"rendered":"Talententwicklung \u2026 oder \u201ezu sich kommen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Es war wohl Anfang der 1990er, als ich zu meiner ersten Diplompr\u00fcfung geladen wurde. Pr\u00fcfungsgegenstand war das Thema \u201eOrdnung im Sport\u201c, zu lesen hatte ich das Buch von D. Landau und H. Digel, also etwas aus dem Umfeld von Sportp\u00e4dagogik und Sportsoziologie. Meine Pr\u00fcfer waren die Professoren Quanz und Erdmann, der eine Didaktiker, der andere Psychologe. Es war ein hei\u00dfer Sommertag und ich trat wie immer sehr, sehr aufgeregt in das Pr\u00fcfungsb\u00fcro. Dort schauten mich neugierige und vertrauensvolle Pr\u00fcferaugen an: \u201eHerr Vohle, dann erz\u00e4hlen Sie mal, was haben Sie denn gelesen?\u201c Und ja, ich hatte Digel und Landau gelesen, dar\u00fcber im Semester zuvor ein freies Referat gehalten und war (ernsthaft) der Meinung, alles gesagt zu haben. Daher hatte ich mich f\u00fcr die Pr\u00fcfung lieber weiter in das Thema vertieft \u2026 oder besser verrannt! Ich verbrachte viele Tage zur Vorbereitung mit David Bohms \u201eImpliziter Ordnung\u201c, ein Buch aus dem Kontext der Quantenphysik, dessen Kernidee von impliziter Ganzheit mich noch weiter begleiten sollte. Nun aber in der Pr\u00fcfung, da brach es aus mir heraus: Ich riss Digel und Landau nur kurz an, um dann MEINE Gedanken zum Thema Ordnung in Natur und Kultur (mit dem Spiel als Klammer) vorzustellen, ein Gestammel, nicht mehr. Das \u00dcberraschende war: Sie lie\u00dfen mich reden! Nach 45 Minuten sagte Herr Quanz: \u201eHerr Vohle, wir m\u00fcssen hier vorerst Schluss machen \u2026 und jetzt fahren Sie erstmal nach Hause und trinken im Restaurant Ihrer Eltern ein Glas Bier\u201c. Mit roten Wangen und ziemlich ersch\u00f6pft verlie\u00df ich den Raum, \u00fcber Noten sprachen wir nicht, nur eines war wichtig: Ich hatte meine sehr gewagten Gedanken geteilt, war in Neuland gestolpert, ohne zu fallen. Ich f\u00fchlte mich erstmals (!) als Anf\u00fchrer einer Expedition zu mir selbst.<\/p>\n<p>Themenwechsel?!<\/p>\n<p>Unter dem Titel \u201eEr schrieb seine Partitur selbst\u201c wird in der aktuellen ZEIT ein Interview mit dem Stardirigenten Barenboim \u00fcber das Jahrhunderttalent Maradona gef\u00fchrt. Wir erinnern uns: \u201eDie Hand Gottes\u201c. Gesucht werden Parallelen zwischen Musik und Fu\u00dfball. Am Ende des Interviews geht es auch um Talente. Barenboims Kritik am Fu\u00dfball: \u201eDie Welt ist verwechselbar geworden\u201c [\u2026] Heute spielen alle ein bisschen argentinisch und ein bisschen N\u00e4hmaschine. Keine eigenen Leute, kein eigener Stil!\u201c Am Ende finden wir \u2013 so meine ich \u2013 nur noch strategisch agierende Allrounder, auf hohem Niveau, versteht sich. Aber Fu\u00dfball lebt doch gerade vom Bruch, es anders zu machen, gegen den Strich, spontan, aus sich heraus, nicht umsonst spricht der Sport- und Kulturwissenschaftler Sven G\u00fcldenpfennig von einem K\u00fcnstler, einer K\u00fcnstlerin, dort auf dem Platz.<\/p>\n<p>Themenwechsel?!<\/p>\n<p>Seit Jahren beobachte ich im Bereich der LehrerInnenbildung die gut begr\u00fcndete Strategie, Lehrnovizen mit \u201ekriteriumsorientierten\u201c Beobachungsschulungen besser zu machen. Man schaut also nicht zu allererst nach den Eigenarten, Ticks und Besonderheiten, nach dem naiven Vorverst\u00e4ndnis der KursteilnehmerInnen, sondern hat gleich Kriterien zur Hand, wie es richtig geht; man wei\u00df, was Lehrqualit\u00e4t ausmacht und man verschwendet keine Zeit, die Anf\u00e4ngerInnen schnellstm\u00f6glich mit den \u201ewissenschaftlichen Kriterien\u201c zu konfrontieren.<\/p>\n<p>Was ist also nun der Zusammenhang zwischen Vohles Pr\u00fcfungsstunde, Maradonas Hand, Barenboims Kritik am Fu\u00dfball und der Lehrerbildung heutiger Tage (mal abgesehen davon, dass hier Namen in eine Reihe gebracht werden, die auseinandergeh\u00f6ren ?)? Es ist gleich, welche Talententwicklung wir in den Blick nehmen: Wissenschaft, Musik, Fu\u00dfball, Lehre oder gar Singen. Der Punkt ist: Fragen wir zuerst nach den Abweichungen (so schr\u00e4g sie uns auch erscheinen m\u00f6gen) oder nach den gut begr\u00fcndeten Standards? Barenboim sagte im Interview einen wundersch\u00f6nen Satz: Sein Vater (ebenfalls ein begnadeter Musiker) habe ihn fr\u00fch gemahnt: Vergiss das Wunder beim Wunderkind und sei ab jetzt nur noch ein Kind.<\/p>\n<p>\u201eNur noch ein Kind sein\u201c. Das widerspricht unseren Vorstellungen von Planung, Verwertung und prognostischer Sicherheit bei der Talententwicklung in Wissenschaft, Sport und Wirtschaft. Aber eines ist sicher: Mit Standards bekommen wir Talente, die zwar alles k\u00f6nnen, was man so braucht, aber nicht Talente, die ein \u201eSpiel drehen\u201c oder einen \u201eAnfang machen\u201c k\u00f6nnen, was in Wissenschaft, Sport und Wirtschaft zwar verschieden aussieht (Paradigma, Pass, Produkt), aber auch einen gemeinsamen Kern hat, n\u00e4mlich das Spielen. Spielen zu k\u00f6nnen, ist eine voraussetzungsreiche Sache, aber, so die abschlie\u00dfende These, wir brauchen mehr Spiel (auch mit sich selbst!), mehr Lust auf Abweichung, mehr Neulandvertrauen, gerade in einer komplexen Wissensgesellschaft, in der wir komplexe Probleme l\u00f6sen m\u00fcssen und z.B. wie im Fu\u00dfball, auf eine unvergleichliche Art unterhalten und \u00fcberrascht werden wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war wohl Anfang der 1990er, als ich zu meiner ersten Diplompr\u00fcfung geladen wurde. Pr\u00fcfungsgegenstand war das Thema \u201eOrdnung im Sport\u201c, zu lesen hatte ich das Buch von D. Landau und H. Digel, also etwas aus dem Umfeld von Sportp\u00e4dagogik und Sportsoziologie. 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