{"id":9705,"date":"2020-12-25T09:55:59","date_gmt":"2020-12-25T08:55:59","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=9705"},"modified":"2020-12-25T10:50:11","modified_gmt":"2020-12-25T09:50:11","slug":"der-kleine-elefant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=9705","title":{"rendered":"Der kleine Elefant"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwo im s\u00fcdlichen Indien, so erz\u00e4hlt es eine Nachrichtenagentur im Internet, ist ein kleiner Elefant in ein Erdloch gefallen, und zwar r\u00fcsseltief. Die herbeieilende Elefantenherde zeigte sich in den ersten Minuten noch entspannt, in den n\u00e4chsten Stunden zunehmend nerv\u00f6s, weil es ihnen trotz immenser St\u00e4rke und R\u00fcsselraffinesse nicht gelingt, den Kleinen zu retten. Mit Beginn der D\u00e4mmerung sind die Elefanteneltern au\u00dfer sich: Die Elefantenmutter st\u00f6\u00dft mit Blick auf den erschlaffenden Babyk\u00f6rper einen verzweifelten Schrei aus, der das bisherige Get\u00f6se und Posaune der Herde in Art und Lautst\u00e4rke weit \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p>Im zwei Kilometer entfernten Dorf hatte man das Posaunen der Herde bereits bemerkt. Aber erst mit dem Schrei der Elefantenmutter sagte einer der Dorfbewohner: Hier stimmt etwas nicht! Eine Menschengruppe mit Wildh\u00fctern eilt mit Gel\u00e4ndewagen in Richtung der Elefanten, wohlwissend, dass diese Reise t\u00f6dlich enden kann. Doch die Elefanten stehen still, lassen die Menschen nach dem Kleinen schauen. Schnell wird klar: Ohne Bagger ist hier nichts zu machen, zu schwer ist der Kleine und zu matschig ist das Erdreich. Um es kurz zu machen: Der Bagger wird schnell herbeigeschafft \u2013 im s\u00fcdlichen Indien eine ernste Herausforderung \u2013 und der kleine Elefant wird gerettet, noch ehe das Leben aus ihm schwindet.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Weihnachtsgeschichte, eine wahre noch dazu. Aber ist es nur eine Geschichte, wie sie das Internet tausendfach erz\u00e4hlt? Als ich die Geschichte las, samt Fotos vom kleinen Elefanten, der Mutter, den Wildh\u00fctern, dem Bagger, dachte ich mir: Kleine Elefanten, die in L\u00f6cher fallen, brauchen gro\u00dfe Elefanten. Doch manchmal sind die L\u00f6cher so tief und schlammig, dass selbst die gr\u00f6\u00dften Elefanten keine Idee mehr haben, um eine L\u00f6sung zu finden. Diese Ohnmacht ist mit dem schrecklichen Schrei der Mutter auf den Punkt gebracht.<\/p>\n<p>Ich habe gerade das <a href=\"https:\/\/www.ullstein-buchverlage.de\/nc\/buch\/details\/unsere-welt-neu-denken-9783550200793.html\">Buch<\/a>\u00a0&#8222;Unsere Welt neu denken&#8220; von <a href=\"https:\/\/www.maja-goepel.de\/\">Maja G\u00f6pel<\/a> gelesen. Hier geht es nicht um Elefanten, aber um schwergewichtige Themen: Umweltsch\u00e4den aller Art, grenzenloser Konsum und ungez\u00fcgelter Kapitalismus. All das hat mich an den kleinen Elefanten erinnert, der in dieses tiefe Loch gefallen ist. Und G\u00f6pels treffende \u00f6konomische Analysen erinnern mich an die gro\u00dfen Elefanten, die trotz ihrer Erfahrungen und Kraft nichts ausrichten k\u00f6nnen; gerade mit ihrem Gewicht w\u00fcrden sie jeden Rettungsversuch am schlammigen Loch des kleinen Elefanten zunichtemachen \u2013 ein Dilemma! Und 2020 ist das Jahr des Aufschreis: G\u00f6pel und andere Vordenker der neuen Welt auf allen Kan\u00e4len, Friday for Future, Sience for Future, alles eine Kombination aus neuer Macht (Tipping Point) und alter Ohnmacht (Dilemmata), eine Fortsetzung des Aufschreis des Club of Rome der 1970er.<\/p>\n<p>Und wof\u00fcr stehen hier nun die Wildh\u00fcter? Nicht f\u00fcr die G\u00f6tter, die wir in der Not herbeiflehen, soviel ist klar. Es ist wohl nur ein analoger Hinweis auf die qualitativ andere Art des Probleml\u00f6sens, die Elefanten von Menschen unterscheidet: Die Menschen haben den kleinen Elefanten mit ihrem Bagger nicht hochgehoben, sondern ausgegraben! Was sagt das \u00fcber die Weltprobleme? Vielleicht so viel: G\u00f6pels Aufrufe zum kollektiven Mut, neuer Wertsch\u00f6pfung und Ordnungspolitik klingen zwar logisch-zwingend, aber sie verbleiben, k\u00f6nnte man meinen, auf der logischen Ebene des Hochhebens, der intuitiven L\u00f6sung. Was w\u00e4re dann das Ausgraben? Welchen analogen Impuls k\u00f6nnen wir hier mitnehmen? Es hat was mit den (sozialen) Dilemmata zu tun, in die sich moderne Gesellschaften hineinman\u00f6vriert haben. Wie \u201el\u00f6st\u201c man die? Indem man die Bedingungen aushebelt, unter denen sie sich organisieren, oder im Bild des Elefanten: Aus dem tiefen Loch wurde eine freie ebene Fl\u00e4che. Und jetzt d\u00fcrfen wir alle mal den heiligen Weihnachtsgeist \u00fcber uns kommen lassen, um aus dieser Metapher eine L\u00f6sung zu entwickeln. 2021 klappt das, das w\u00e4re mal eine Frohe Botschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwo im s\u00fcdlichen Indien, so erz\u00e4hlt es eine Nachrichtenagentur im Internet, ist ein kleiner Elefant in ein Erdloch gefallen, und zwar r\u00fcsseltief. 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