{"id":9856,"date":"2021-10-17T09:55:14","date_gmt":"2021-10-17T08:55:14","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-vohle.de\/?p=9856"},"modified":"2021-10-18T17:50:21","modified_gmt":"2021-10-18T16:50:21","slug":"das-neue-in-die-welt-holen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/didaktikbuero.de\/?p=9856","title":{"rendered":"Das Neue in die Welt holen"},"content":{"rendered":"\n<p>Am Donnerstag und Freitag hatten wir unser (digitale) <a href=\"https:\/\/scoreforschung.com\/abschlusstagung-score\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/scoreforschung.com\/abschlusstagung-score\/\">Abschlusskonferenz zu SCoRe<\/a> \u2013 ein vom BMBF mit \u00fcber drei Millionen Euro&nbsp; gef\u00f6rderten Projekt zum forschenden Lernen, bei dem Studierende unter Crowd-Bedingungen mit innovativen Videotechnologien zum Thema Nachhaltigkeit zusammen forschen sollen \u2013 online versteht sich. Es waren also alle Aspekte vertreten, die in der aktuellen Hochschullandschaft als bedeutsam eingestuft werden. Das Verbundprojekt verfolgt(e) noch dazu einen Design-Based Research-Ansatz, mit dem Erkenntnis mittels Entwicklung bzw. Design gewonnen werden soll, was methodisch ebenso herausfordernd wie interessant ist. Dieser Blogbeitrag ist eine <em>gemeinsame Reflexion<\/em> des im M\u00e4rz 2022 endenden Projekts von mir und <a href=\"https:\/\/gabi-reinmann.de\/?p=7196\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/gabi-reinmann.de\/?p=7196\">Gabi<\/a> anl\u00e4sslich der genannten Veranstaltung, welche die Abschlussphase des SCoRe-Projekts einleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der vielen passenden Stichworte und Innovationspotenziale haben wir 2018 unsere Erwartungen im Antrag recht optimistisch formuliert. Vielleicht ein wenig vollmundige haben wir auch die Vision von einem \u201eForschungsstrom\u201c entworfen, den wir durch intelligente Verbindungen der oben genannten Aspekte im Kontext der <a href=\"https:\/\/www.va-bne.de\/index.php\/de\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.va-bne.de\/index.php\/de\/\">Virtuellen Akademie Nachhaltigkeit<\/a> umsetzen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ja, das Projekt hat uns alle sehr weit aus unserer psycho-sozialen Komfortzone geholt: (a) Es gab zum Start keine \u201eDidaktik der Crowd\u201c, also keine Antworten auf die Frage, wie man (sehr) viele Studierende bei der asynchronen Zusammenarbeit durch Technologie unterst\u00fctzt und durch direkte Hilfen unterst\u00fctzen darf. (b) Es gab auch noch keine L\u00f6sung daf\u00fcr, wie man forschendes Lernen konzipiert, wenn man dessen Definition sozusagen sprengt, weil Studierende nicht den ganzen Forschungszyklus durchlaufen, sondern nur (wenige) Unterphasen eines Teilzyklus. (c) Auch hatten wir keine Vorstellung davon, wie man 360-Grad-Videotechnologien und Social Video Learning (vgl. <a href=\"https:\/\/lecture2go.uni-hamburg.de\/l2go\/-\/get\/v\/25407\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/lecture2go.uni-hamburg.de\/l2go\/-\/get\/v\/25407\">Andreas Vortrag<\/a>) didaktisch einbetten muss, damit Studierende nicht nur \u201edie Kamera draufhalten\u201c, sondern Videografie als Forschungsinstrument zum Sammeln von Daten und Aushandeln von Perspektiven verstehen. (d) Schlie\u00dflich wussten wir am Anfang auch nicht, wie wir das Megathema Nachhaltigkeit so herunterbrechen, dass Studierende aller Disziplinen in einen interdisziplin\u00e4ren Dialog treten. (e) Letztendlich hatten wir zum Teil wohl auch naive Vorstellungen davon, wie man all diese Aspekte des Nichtwissens in die Struktur eines DBR-Prozesses bringt, ohne dabei die Meilenstein- und Abrechnungsmodalit\u00e4t des BMBF zu ignorieren. Dass auch noch eine Pandemie genau in den Projektlaufzeit legt und an mehreren Enden ganz neue Rahmenbedingungen schafft, kam noch oben drauf, ohne dass man dies freilich je h\u00e4tte vorhersehen k\u00f6nnen. Kurzum: Das SCoRE-Projekt hat(te) es in sich!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abschlusstagung hat dann aber doch gezeigt, dass wir etwas geschafft haben! Da sind erstens neue Konzepte im Kontext des forschenden Lernens entstanden, die auf elementare Prozesse reduziert und in Richtung Forschendes Sehen weiterentwickelt wurden. Zweitens wurden im Projekt zahlreiche Text- und Video-Anleitungen zur Orientierung und Unterst\u00fctzung innerhalb der Phasen und Aktivit\u00e4ten erarbeitet. Drittens haben wir neue Assessment-Formate entwickelt, welche dem komplexen Lernprozess gerecht werden k\u00f6nnen. Viertens sind Evaluationskonzepte und Log-Technologien entstanden, die Lernspuren sammeln und darstellen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich steht (wie geplant) die Lernumgebung \u201eSCoRe-Docs\u201c, mit der eine asynchrone Online-Zusammenarbeit mit Text, Bild und vor allem Videotechnologien erm\u00f6glicht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Tagung haben auch viele von uns aus dem Verbund in Gespr\u00e4chen festgestellt, dass wir nach drei Jahren nicht am Ende sind (und damit meinen wir nicht nur die noch verbleibenden rund 5 Monate), sondern im Grunde erst am Anfang stehen, denn erst so langsam verstehen wir, an welchen Elefantenr\u00fcsseln, -beinen und -schw\u00e4nzen wir uns tastend bewegt haben (vgl. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_blinden_M%C3%A4nner_und_der_Elefant\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_blinden_M%C3%A4nner_und_der_Elefant\">Die Blinden M\u00e4nner und der Elefant<\/a>). Ehe das Neue in die Welt kommt, muss man die Grenzen dessen erfahren, was man bisher f\u00fcr wahr gehalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Gabi und ich, die wir die Grundidee zu diesem Projekt \u201ein die Welt gesetzt hatten\u201c, gehen mit zweigeteilter Meinung in die Projektendphase (und bald aus dem Projekt): Zum einen sind wir beide sehr dankbar, auf Menschen getroffen zu sein, die verschiedene Auffassungen von Didaktik vertreten. Dadurch wurde der Blick f\u00fcr Konzepte frei, die weniger den Einzelnen, als vielmehr das Kollektiv in den Blick nehmen und auch die Rolle von Steuerung in einem erweiterten Probleml\u00f6seraum in Richtung Gesellschaft neu denken. Das hat Folgen f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft, f\u00fcr die Qualit\u00e4t von Bildungsprozessen \u2013 und zwar bei Lehrenden und Lernenden \u2013 und es hat Folgen f\u00fcr die Technologien, denen wir ja immer auch eine Idee von Bildung einhauchen (wollen). Zum anderen sind wir beide aber auch entt\u00e4uscht, und zwar \u00fcber das Verfehlen unserer sicher hehren Ziele (siehe oben): Wir wollten einen \u201eForschungsstrom\u201c als Outcome, haben aber nur einen \u201eForschungsrinnsal\u201c geschafft, zumal dieses Rinnsal auch noch als Beleg f\u00fcr das prinzipielle Funktionieren des Konzepts herhalten soll (oder muss).<\/p>\n\n\n\n<p>Was antworten wir auf die Frage, warum wir f\u00fcr SCoRe nur so wenige Studierende gewonnen haben und begl\u00fccken konnten? Man ist schnell versucht, das auf die Nichtpassung der universit\u00e4ren Strukturen f\u00fcr solch innovativen Konzepte zu schieben. Und sicher ist das auch nicht ganz falsch. Aber man macht es damit doch auch zu leicht, denn: Zum einen ist das eine gewisse Selbstimmunisierung gegen\u00fcber Kritik, zum anderen verdeckt man hier die Chance, wirklich konsequent vom \u201eForschungsstrom\u201c bzw. von einer der Vision her zu planen. Wenn wir heute nochmal starten w\u00fcrden, dann w\u00e4re die erste (notwendige!) Bedingung die, dass man wirklich viele Studierende in eine forschungs\u00e4hnliche Aktivit\u00e4t gewinnt. Und damit klar ist, wovon wir sprechen: Es sollten definitiv mehrere 100, ja vielleicht 1000 Studierende sein, denn dann brechen all unsere Routinen zusammen, die wir aus der bisherigen Didaktik kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche (Selbst)Steuerung \u201eder Vielen\u201c k\u00f6nnte man \u00fcber virtuelle Raum- und Rollenkonzepte organisieren, also R\u00e4ume mit bestimmten Arbeitsauftr\u00e4gen und Prozessregeln, in denen dann Personen mit bestimmten H\u00fcten aktiv sind. All das hatten wir in der SCoRe-Ideenphase im ersten halben Jahr schon ausgearbeitet (z.B. <a href=\"https:\/\/www.e-teaching.org\/community\/communityevents\/ringvorlesung\/lehre-hochschulspezifisch-gestalten-forschendes-lernen-mit-digitalen-medien-am-beispiel-von-student-crowd-research\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.e-teaching.org\/community\/communityevents\/ringvorlesung\/lehre-hochschulspezifisch-gestalten-forschendes-lernen-mit-digitalen-medien-am-beispiel-von-student-crowd-research\">hier<\/a> bei e-teaching.org), haben es aber dann unseres Erachtens viel zu fr\u00fch verworfen. Warum? Weil wir \u201eRaum\u201c vielleicht zu eng gedacht haben. Schaut man sich heute virtuelle R\u00e4ume wie die Plattform Gather oder die <a href=\"https:\/\/www.2gthr.online\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.2gthr.online\/\">Umgebung<\/a> an, auf der wir unsere SCoRe-Tagung gemacht haben, dann sieht man, dass sich dort eine Vielzahl von Teilnehmenden selbstorganisiert tummeln und via Video-Chat austauschen, und man sieht auch, wo sie sich tummeln, was ungemein motivierend ist und die visuelle Koordination erleichtert, worauf auch Georg M\u00fcller Christ bei seiner Begr\u00fc\u00dfung verwies. Nat\u00fcrlich ist das nicht DIE L\u00f6sung f\u00fcr das Problem, wie man forschendes Lernen der Vielen mit Video zum Thema Nachhaltigkeit organisiert, aber es w\u00e4re ein anderer Zugang gewesen, R\u00e4ume neu zu denken, was uns in Kombination mit 360-Social Video Learning in ein anderes Raum-Fahrwasser gebracht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie sagt man so sch\u00f6n: Was nicht ist, kann ja (vielleicht) in Zukunft noch werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag und Freitag hatten wir unser (digitale) Abschlusskonferenz zu SCoRe \u2013 ein vom BMBF mit \u00fcber drei Millionen Euro&nbsp; gef\u00f6rderten Projekt zum forschenden Lernen, bei dem Studierende unter Crowd-Bedingungen mit innovativen Videotechnologien zum Thema Nachhaltigkeit zusammen forschen sollen \u2013 online versteht sich. 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